Rückkehr in die fremdgewordene Heimat
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Walter Kidega (r.) mit einem ehemaligen Rebellen
Ex-Rebell Walter Kidega hilft ehemaligen Kindersoldaten in Uganda
Kampala (epd).

Fünf Jahre lang musste er als Jugendlicher für die ugandische Rebellengruppe LRA kämpfen. Nun hilft Walter Kidega Rückkehrern auf ihrem Weg in ein Leben nach dem Krieg. Zwar ist die aktive Zeit der vom selbst ernannten Prediger Joseph Kony gegründeten „Lord's Resistance Army“ (LRA) seit gut 18 Jahren vorbei. Doch von den übrig gebliebenen Kämpferinnen und Kämpfern kehren immer wieder welche aus dem Busch zurück, wo sich noch einzelne Zellen versteckt halten. Besonders am internationalen Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten am 12. Februar, dem Red Hand Day, gedenkt Walter Kidega seinen „Brüdern und Schwestern“, wie er seine Leidensgenossen nennt.

Mit 21 Jahren war er älter als viele andere, als Mitglieder der christlich-fundamentalistischen Rebellengruppe in sein Dorf eindrangen, die Familie im Schlaf überfielen, seinen Vater vor den Augen der Kinder enthaupteten und Walter Kidega und seine drei Brüder verschleppten. Keiner der drei Brüder hat die Zeit bei der LRA überlebt. Der heute 45-jährige Walter konnte 2008 fliehen. Seine Einheit versteckte sich zu dem Zeitpunkt in der Zentralafrikanischen Republik.

Plündern für das eigene Überleben

Auch heute sind die wenigen Zellen der LRA über die Zentralafrikanische Republik und der Demokratischen Republik Kongo verteilt. Doch mit der einstigen Miliz, die zwischen 1987 und 2006 vor allem im Norden Ugandas für Angst und Schrecken sorgte, Zehntausende Menschen ermordete und Hunderttausende zur Flucht zwang, hat die heutige LRA nicht mehr viel zu tun. Die wenigen Kämpferinnen und Kämpfer plünderten eher für ihr eigenes Überleben, sagt Kristof Titeca, Experte für Rebellengruppen an der Universität Antwerpen,

Erst im August 2023 wurden 16 ehemalige Rebellen, darunter auch Frauen und Kinder, aus der Zentralafrikanischen Republik nach Uganda geflogen - rückgeführt in ihre Heimat. Während viele froh seien, dem Leben im Busch nach vielen Jahren zu entkommen, sei es für sie zugleich nicht immer einfach, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, sagt Kidega. „Wir versuchen, unser Leben zu leben, aber es gibt viele, die auch heute noch etwa unter nicht entfernten Kugeln leiden oder andere medizinische Probleme haben, die auf den Kampf zurückgehen.“

Aus den Kindersoldaten von damals sind erwachsene Männer und Frauen geworden. Vor allem in den 1990er-Jahren entführte die LRA gezielt Kinder, um sie zu Soldaten auszubilden. UN-Schätzungen zufolge wurden bis zu 66.000 Jungen und Mädchen zwangsrekrutiert. Kaum eine Familie im Norden Ugandas blieb von der Brutalität der LRA verschont.

Wunsch nach Frieden

Was die zurückkehrenden Ex-Kombattanten jedoch eine, sei der Wunsch, in Frieden zu leben, sagt Kidega. Man habe unter dem Krieg genug gelitten. Immer wieder betont der Rückkehrhelfer, dass die große Mehrheit dieser ehemaligen Rebellen heute gesetzestreue Bürgerinnen und Bürger seien - tunlichst bemüht, keinen Ärger zu verursachen. 2000 hatte Uganda eine Amnestie erlassen, um Rebellen zum Aufgeben zu bewegen. Doch wer sich nicht einfügt, riskiert juristische Verfolgung.

„Das Amnestie-Gesetz war ein wichtiger Teil der Strategie, um den Frieden in Uganda wiederherzustellen“, sagt Titeca. „Die Wiedereingliederung aber ist eine andere Frage.“ Geld für Unterstützungs- und Ausbildungsprogramme sei knapp - und so lange nach Ende des aktiven Kampfes in Uganda sei das Interesse an der LRA weitgehend abgeflaut. Dennoch würden frühere LRA-Mitglieder stigmatisiert. „Vor allem für zurückkehrende Frauen ist es oft schwierig, einen Ehemann zu finden, der die LRA-Vergangenheit akzeptiert“, sagt Titeca. Außerdem seien viele als Kinder entführt worden und hätten daher keine oder kaum Schulbildung.

Darin sieht auch Kidega einen Grund, warum viele Ex-Rebellen mit schlecht bezahlten Jobs über die Runden kommen müssen. Teils hätten Dorfgemeinschaften auch Angst, ehemalige LRA-Kämpfer wieder zurückzunehmen. Auch er machte 2008 bei seiner Rückkehr diese Erfahrung und zog notgedrungen um.

Umso wichtiger sei es ihm, Neuankömmlinge zu unterstützen, sagt Kidega. Unermüdlich fährt der Familienvater daher auf seinem Fahrrad durch seine Gemeinde im Norden Ugandas, hört sich die Sorgen seiner Brüder und Schwestern an und unterstützt, wo er kann.

Von Helena Kreiensiek (epd)