Musikalische Frauenpower in Afrika: "Sie sind Kriegerinnen"

s:54:"Mani Bella aus Kamerum beim FEMUA-Festival in Abidjan.";
Mani Bella aus Kamerum beim FEMUA-Festival in Abidjan.
Abidjan (epd)

Afropop-Queen Chidinma aus Nigeria bringt die Jugend bis in die frühen Morgenstunden zum Tanzen, Mani Bella aus Kamerun legt eine temperamentvolle Show mit traditionellen Bikutsi-Rhythmen auf die Bühne: Das zwölfte "Festival des Musiques Urbaines d’Anoumabo" (FEMUA) in Abidjan in der Elfenbeinküste zeigte Ende April, dass in Afrika Frauen im Musikgeschäft gewaltig angesagt sind. "Ohne Frauen keine Entwicklung" war das Motto.

Das Festival wolle mit gutem Beispiel vorangehen, erklärt Veranstalter A'Salfo von der Band Magic System. "Die Karriere einer Frau im Musikgeschäft unterliegt vielen Zwängen und Vorurteilen." Das könne sich nur ändern, wenn Frauen endlich genauso behandelt würden wie Männer.

Oumou Sangaré aus Mali, Grande Dame der afrikanischen Musik, interpretierte auf dem Festival mit mitreißender Stimmgewalt auf äußerst moderne Art die traditionellen Wassoulou-Rhythmen ihrer Heimat. Die jungen Frauen im Publikum sangen begeistert mit. Sangaré setzt sich für Frauenrechte ein. Ihre jüngere Kollegin Josey beschreibt in ihren vom RnB inspirierten Melodien Männer, die immer wieder Gründe finden, eine Heirat aufzuschieben oder Gigolos, die sich unterhalten lassen.

"Krallen zeigen"

"Sie sind Künstlerinnen, Frauen, Afrikanerinnen und ergreifen auf der Bühne die Macht", so beschreibt Sébastien Lagrave die Entwicklung. Er ist Direktor des Pariser Festivals Africolor, das seit mehr als 20 Jahren neue Trends afrikanischer Musik präsentiert. Im vergangen Herbst rückte auch dieses Festival die "neuen Frauen" in den Mittelpunkt.

Abseits der Bühne aber ist es nicht leicht für die Musikerinnen. "Auch wenn Sie Talent haben, machen die Männer undezente Angebote", erzählt Chantal Taiba aus der Elfenbeinküste, die auf neun Alben und eine stolze Karriere zurückblickt: "Da braucht es viel Diplomatie, um für die Qualität seiner Arbeit beurteilt zu werden."

Das doppelte Handicap für afrikanische Musikerinnen - das Image als "nicht seriöse" Frau und die reale Forderung von Sex seitens Produzenten, männlicher Stars und anderer Machos im Geschäft - ließen sich die jungen Frauen aber heute nicht mehr gefallen, urteilt Musikjournalist Jean-Michel Denis, der für die Pariser Zeitschrift "Paris Match" arbeitet. "Sie haben aus den Erfahrungen ihrer großen Schwestern gelernt."

Eine von ihnen ist Mariah Bissongo. Sie stammt aus einer berühmten Künstlerfamilie in Burkina Faso. Alle ihre Brüder sind bekannte Musiker, wie auch der Vater. Dennoch wollte der nicht, dass seine Tochter Sängerin wird. Heute wird sie als bedeutendste Stimme ihres Landes gefeiert. "Die Leute behaupten manchmal, ich sei eine Löwin", sagt Bissongo: "Wenn ich die Krallen zeigen muss, dann tue ich das."

Sie seien "Kriegerinnen", sagt Hortense Assaga über die afrikanischen Künstlerinnen. Die Fernsehjournalistin arbeitet für "Africa 24" und "Canal+". "Unter dem Einfluss der Gesellschaft reagieren die Veranstalter von Film- und Musikfestivals", analysiert die prominente Fernsehjournalistin aus Kamerun, deren Markenzeichen ihre vom Kopf abstehenden Zöpfe sind. Sie gibt sich keinen Illusionen hin: Das Musikgeschäft bleibe eine Männerdomäne.

"Es bleibt ein Kampf"

Tänzerinnen und Choristinnen gelten noch als übliche Begleitung. Aber eine Künstlerin, die selber singt, spielt und komponiert, hat es schwerer. Sie muss Musiker finden, die eine Frau in vorderster Reihe akzeptieren. Viele Ehemänner sind zudem eifersüchtig, wenn eine Frau außer Haus im Künstlermilieu unterwegs ist. "Es bleibt ein Kampf", sagt Hortense Assaga. "Wenn wir nicht aufpassen, nehmen die Männer den ganzen Platz."

"Früher galten Sängerinnen in Afrika als Huren", erklärt Jean-Michel Denis. "Sieht man mal von den Griottes ab", fügt der Spezialist für afrikanische Musik hinzu. Griottes oder Griots sind in der westafrikanischen Tradition Sängerinnen und Sänger, die Loblieder auf die Herrschenden sangen und am Hof der Könige großes Ansehen genossen. Ihr Beruf wurde von Vater oder Mutter auf die Nachkommen vererbt, es war eine Kaste wie die der Schmiede und anderer Berufe.

Heute sei es so: "Wie die Fußballer bringen auch die Musikstars die Menschen zum Träumen." Deshalb werde auch für Frauen die Toleranz größer, sobald diese im Fernsehen aufträten. "Gerade in armen Familien sagen sich dann die Eltern: Wenn das Mädchen Geld verdient, habe ich später einmal weniger Sorgen." Denn Rente gibt es in Afrika für die wenigsten, meist ist Familiensolidarität gefragt.

Frauen haben es im Musikgeschäft also immer noch schwer - aber sie haben Erfolg. Rokia Traoré und Fatoumata Diawara aus Mali, Muthoni Drummer Queen aus Kenia, die Schwestern Hié, ein Percussionsduo aus Burkina Faso, und die algerische Rockerin Hasna El Becharia aus der Wüste - alle diese Musikerinnen sind auch Unternehmerinnen, die ihre Karriere selbst managen. "Wir brauchen diese Powerfrauen als Vorbilder für die jungen Generationen", sagt Lagrave. In Mali hat er eine Ausbildung für Instrumentistinnen ins Leben gerufen: "Wir haben schon lange Wartelisten."

Von Martina Zimmermann (epd)