Kosmetika statt Heroin

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Naima Said (l.)
Die Kenianerin Naima Said hat den Absprung von den Drogen geschafft
Nairobi (epd)

Naima Said Nasid baut Haarpflegeprodukte und Kosmetika vor einem großen Spiegel auf. Dann bittet die 31-jährige Kenianerin eine Kundin, davor Platz zu nehmen. Die beiden kennen sich von den nächtlichen Straßen der Hafenstadt Mombasa. Beide waren jahrelang von Heroin abhängig. "Wir haben uns um Männer für die Prostitution und alles mögliche andere gestritten", erinnert sich Said. Jetzt sind beide in einem Ausstiegsprogramm mit der Ersatzdroge Methadon, Said hat vor fünf Jahren als erste den Absprung aus der Heroin-Abhängigkeit geschafft.

Geholfen hat ihr "Reachout", eine von nur vier Initiativen zur Hilfe Drogenabhängiger an der kenianischen Küste. "Gemessen am Bedarf tun wir viel zu wenig", bedauert Abdulrahman Taib, der Direktor der unabhängigen Organisation. Sie finanziert sich vor allem über Spenden und Zuwendungen größerer Organisationen, wie die UN und das kenianische Rote Kreuz.

Nach offiziellen Schätzungen gibt es allein im Landkreis Mombasa mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern 10.000 Drogenabhängige. Darunter seien 7.000 Fixer, die sich das Rauschgift spritzen, sagt Taib. An der gesamten kenianischen Küste seien es zehn Mal so viele. Die Zahl derer, die von harten Drogen abhängig sind, steige seit Jahren.

Alarmierender Zuwachs in Ostafrika

Einer Studie zufolge wird die Zahl der Drogenabhängigen in Afrika bis 2050 um 14 Millionen steigen - von derzeit 9 Millionen. Die Untersuchung wurde 2019 von "Enact" veröffentlicht, einem Bündnis von Organisationen, die sich vor allem mit Sicherheitsfragen beschäftigen, darunter auch Interpol. Demnach ist der Anteil von Konsumenten illegaler Drogen in Afrika südlich der Sahara mit 1,6 Prozent der Bevölkerung schon jetzt höher, als in Lateinamerika oder im südlichen Asien.

Der alarmierendste Zuwachs wird für Ostafrika vorausgesagt. Während sich die Zahl von Konsumenten illegaler Drogen in Westafrika bis 2050 voraussichtlich verdoppeln werde, sei in Ostafrika mit einer Verdreifachung zu rechnen, von rund 2 Millionen im vergangenen Jahr auf etwa 5,5 Millionen 2050. Der massive Anstieg in den absoluten Zahlen erklärt sich allerdings auch durch das starke Bevölkerungswachstum.

Mombasa ist einer der "Hotspots" dieser Entwicklung. Über den Hafen kommt mutmaßlich ein großer Teil der Drogen ins Land. "Reachout" versucht, sich mit 65 Angestellten und 150 Freiwilligen gegen den Trend zu stellen. Nach eigenen Angaben erreicht die Organisation rund 3.000 Abhängige ambulant, außerdem gibt es 30 stationäre Therapieplätze. Viele Angestellte und die meisten Freiwilligen sind ehemalige Abhängige.

"Ich war seine Laborratte"

So wie Naima Said. Als sie dank des Methadonprogramms wieder auf einigermaßen sicherem Boden stand, richtete sie in den Räumen von "Reachout" ihren "Beauty Corner" ein. Zum Heroin sei sie mit 18 Jahren durch ihren damaligen Freund gekommen. Der habe im Dealen schlicht das lukrativste aller Geschäftsmodelle gesehen. An ihr habe er ausprobiert ob der Stoff, den er angeboten bekam, etwas taugte. "Ich war seine Laborratte."

Said prostituierte sich und wurde kriminell, um ihre Sucht zu finanzieren. Sie verbrachte ihre Tage in den "dens", den Treffpunkten der Abhängigen in Mombasa. Polizisten seien dort regelmäßige Besucher gewesen. Von den Dealern hätten sie sich dafür bezahlen lassen, dass sie nicht eingriffen, "und uns haben sie vergewaltigt".

"Viele von uns sind Teil des Problems", bestätigt der Polizei-Reservist Farouk Saad. Der Kampf gegen den Drogenmissbrauch ist so etwas wie sein Lebensthema: Erst war er jahrelang in Zivilkleidung als Ermittler im Einsatz, um den Drogenschmuggel zu verhindern. Weil ihn die Aussichtslosigkeit dieses Kampfes frustrierte, änderte er mit den Jahren den Fokus. 2000 gründete er die Organisation "Bürger gegen den Missbrauch von Kindern und Drogen".

"Jahre verschwendet"

Seitdem versucht er, gegen die steigende Nachfrage vorzugehen und die Abhängigen zu unterstützten. Nebenbei arbeite er immer noch als verdeckter Ermittler, gebe Informationen an die Behörden weiter, sagt er. Obwohl er davon überzeugt ist, dass viele Beamte Komplizen der Schmuggler sind - aus seiner Sicht der wichtigste Grund dafür, dass der Konsum harter Drogen ständig zunehmen kann. "Wir haben so viele staatliche Institutionen und Regierungsabteilungen, die für dieses Problem zuständig sind. Aber es ist ihnen entweder egal, oder sie lassen sich dafür bezahlen, dass sie wegsehen."

Die Enact-Studie nennt noch andere Gründe: Die afrikanische Bevölkerung ist überwiegend jung, der Wohlstand steigt und die Verstädterung nimmt in rasantem Tempo zu. Das alles seien Umstände, die den Griff nach illegalen Drogen wahrscheinlicher machten. Die UN sehen auch die verbreitete Armut und große soziale Ungleichheit als treibende Faktoren. Beides erhöhe den Stress und mache anfälliger für Drogen.

Said ist dankbar, dass sie den Absprung geschafft hat. "Wir haben Jahre unseres Lebens auf der Straße verschwendet", sagt sie. "Ich bin froh über den Neuanfang und dafür, dass ich mein Geld nun mit ehrlicher Arbeit verdiene."

Von Bettina Rühl (epd)