Klassenzimmer statt Terrorgruppe

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Unterricht in einer Schule in Sanam
Im westafrikanischen Niger haben Schulen eine große Bedeutung
Niamey (epd).

Der 16-jährige Bashir Yusuf ist im Literaturunterricht ganz bei der Sache. Bei deutlich über 40 Grad Celsius ist das keine Selbstverständlichkeit, aber in seinem Kassenzimmer ist die Temperatur dank einiger Deckenventilatoren erträglich. Die Solaranlage, die den Strom dafür produziert, hat die nigrische Hilfsorganisation HED Tamat im März mit Geld vom deutschen Auswärtigen Amt installiert. Weil das Lernen leichter falle, lernten alle mehr, meint Bashir. Selbst abends können Schülerinnen und Schüler dort Hausaufgaben machen, denn neuerdings gibt es in der Schule auch Licht.

In 45 Gemeinden in ganz Niger werden mit deutschem Geld Klassenräume mit Solaranlagen versehen, wieder in Stand gesetzt oder überhaupt erst gebaut. Der Gedanke: Nur Bildung und die Möglichkeit, mit einem Beruf im zivilen Leben Geld zu verdienen, hält die jungen Menschen von den radikal-islamistischen Gruppen fern, die seit Jahren in Niger und den benachbarten Sahelstaaten operieren. Die Gemeinde Sanam, in der Bashir lebt, ist besonders gefährdet. Sie liegt in der südwestlichen Region Tillabery, und damit im Dreiländereck Mali-Niger-Burkina Faso.

Mehr als 3.000 Anschläge

Trotz des neuen Komforts lernen Bashir und die anderen Jungen und Mädchen nicht unbeschwert. Denn immer wieder hören sie von neuen Angriffen islamistischer Gruppen, von brutalen Massakern. „Das setzt mir wirklich zu, es verstört mich“, sagt Bashir. Etliche Schulen hätten wegen der Angriffe schon schließen müssen. „Ich habe Angst, dass es bei uns auch bald so weit ist.“

Immer öfter greifen Terrorgruppen gezielt Bildungseinrichtungen, Schulkinder und Lehrkräfte an. Bisher machte vor allem Nigeria entsprechende Schlagzeilen: Die dortige Terrormiliz „Boko Haram“, auf Deutsch etwa „westliche Bildung ist Sünde“, erklärte den Kampf gegen alles, was nicht islamischer Unterricht ist und entführt immer wieder Schulkinder. Boko-Haram-Kämpfer haben längst die Grenze zum Nachbarland Niger überquert. Aber auch andere islamistische Terrorgruppen wollen vermeintlich westliche Bildung verhindern. Einige davon haben dem Terrornetzwerk Al-Kaida die Treue geschworen, andere dem sogenannten Islamischen Staat.

Die Organisation „Globale Koalition zum Schutz der Bildung vor Angriffen“ zählt die Anschläge auf Schulen. Demnach waren im Jahr 2020 in Niger und Burkina Faso insgesamt 2.000 und in Mali mehr als 1.100 Bildungseinrichtungen wegen islamistischer Angriffe geschlossen. Einige wurden abgebrannt, andere geplündert, die Einrichtung zerstört, Lehrerinnen und Lehrer bedroht, entführt, getötet.

Schulen als Feldlager

Zudem nutzen staatliche Sicherheitskräfte und bewaffnete Milizen viele Schulgebäude für militärische Zwecke, beispielsweise als Feldlager. Das ist ein herber Rückschlag für den Versuch, die Einschulungsrate in Niger zu erhöhen - nicht einmal die Hälfte der Kinder besucht den Unterricht. Auch, weil es nicht genug Angebote gibt, wie Mano Aghali, Leiter von HED Tamat, erläutert. Denn der Wunsch nach Bildung sei mittlerweile weit verbreitet, die Bevölkerung habe erkannt, dass sie davon profitiere.

Aber bis sich Bildung in Geld übersetzt, braucht es Geduld. Die Terrorgruppen dagegen stellen in ihrer Propaganda schnelle Lösungen in Aussicht: Sie versprechen Geld oder andere Wertgegenstände und ein regelmäßiges Einkommen. Aghali hält die weit verbreitete Armut für einen der wichtigsten Gründe dafür, dass radikale Islamisten im gesamten Sahel auf dem Vormarsch sind. Und Niger ist laut dem Index für Menschliche Entwicklung (HDI) das ärmste Land der Welt. „Schon vor der Corona-Pandemie war die Armut für viele Menschen Grund genug, sich zu bewaffnen“, sagt Aghali. Seiner Meinung nach liegt das auch daran, dass man in Niger viel zu leicht an Waffen kommt. „In manchen Regionen ist es leichter, an eine Kalaschnikow zu kommen, als an ein Baguette.“

Junge Näherin unterstützt Familie

HED Tamat versucht deshalb auch, möglichst viele junge Menschen beim Eintritt in die berufliche Selbstständigkeit zu unterstützen. Die 19-jährige Hawa Husseini zum Beispiel konnte in ihrem Heimatdorf Djagourou eine Schneiderwerkstatt eröffnen. Entscheidend dafür war, dass sie nicht nur das Nähen lernte, sondern für den Start auch eine Maschine sowie Schere, Nadeln, Faden und andere Grundausstattung bekam.

Nun verdiene sie in einem normalen Monat umgerechnet etwa 76 Euro - in ihrem Dorf kein schlechter Verdienst. Und es ist genug, dass Hawa ihre Familie unterstützen kann, also ihre Eltern und ihre 13 Geschwister. Von ihnen hat sonst niemand Arbeit, auch nicht ihre älteren Brüder. Die Angst davor, dass sie sich ebenfalls von einer der Terrorgruppen verführen lassen, hat sie noch nicht ganz verloren. Aber „seit ich genug verdiene, um die Familie zu ernähren, glaube ich, dass sie bleiben.“ Auch, weil sie eher auf Hawas Meinung hören, seit die Schwester das Geld für alle nach Hause bringt.

Von Bettina Rühl (epd)