"Ich vermisse alles, die kleinen Details und die großen"
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Galal Yousif
Sudanesischer Künstler flieht vor dem Krieg nach Kenia
Nairobi (epd).

Die Sonne scheint durch die große Fensterwand auf die Bilderserie, an der Galal Yousif gerade arbeitet. Es sind die Umrisse von Figuren, sie sehen aus, als würden sie trauern. Er beugt sich behutsam über eines der Bilder im A3-Format, setzt sachte den Pinsel an und ergänzt ein paar feine Details in dunklem Blau: einen Fuß, Muster, die den Blick lenken.

Galal Yousif kommt aus dem Sudan, er ist vor dem Krieg geflohen, der das Land seit April erschüttert. Seit Juni lebt der 37-Jährige in Nairobi, als Künstler im Exil.

„Mit dem Krieg hat alles aufgehört“, sagt Yousif. An Kunst war nicht zu denken. Nach der Flucht aus Sudans Hauptstadt Khartum half er zunächst in seiner Heimatstadt Rafaa anderen Vertriebenen. Seit er in Nairobi ist, kann er wieder malen. Viele Bilder, die er hier geschaffen hat, haben etwas gemeinsam: eine blaue Männergestalt, „the blue man“. Oft steht die Figur vor einem abstrakten, bunten Hintergrund. „Blau ist die tiefste Farbe, der Himmel ist blau, das Meer, der Nil“, sagt Yousif.

Sechs Millionen Flüchtlinge

„Der blaue Mann drückt aus, was ich fühle“, erklärt Yousif. Er trauert. Nicht nur darum, was im Sudan passiert, auch um all die vielen anderen Kriege weltweit. Sein Vater und seine Geschwister sind mit ihren Familien in Rafaa im Osten des Sudan. Dort wird zwar nicht gekämpft, aber die Folgen des Krieges spüren sie trotzdem. Die Gesundheitsversorgung ist am Ende, kaum Medikamente sind verfügbar. Manchmal, wenn Yousif versucht, sie zu erreichen, kommt er nicht durch. Das Telefonnetz ist unzuverlässig.

Schon als Kind hat er gerne gemalt. Später hat er in Khartum Kunst studiert. „Alle kamen nach Khartum“, erinnert er sich. „Es gab die besten Krankenhäuser, die besten Schulen, die besten Unis.“ Fast ein Fünftel der insgesamt 45 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Sudan lebte hier bis zum Kriegsbeginn im April. Rund sechs Millionen Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen vertrieben, einige innerhalb des Landes, andere sind ins Ausland geflüchtet.

Yousif macht das Fenster auf und zündet sich eine Zigarette an. Er erzählt, wie die paramilitärischen „Rapid Support Forces“ erst vom früheren Diktator Omar al-Baschir finanziert wurden, dann Gebiete bekamen, in denen sie bis heute Gold abbauen. Sie wurden so stark, dass sie seit April gegen die sudanesische Armee um die Macht im Land kämpfen. Sie haben die Kontrolle über den Stadtteil, wo Yousif früher gewohnt hat, alle seine ehemaligen Nachbarn wurden vertrieben.

Was mit seinem Studio in Khartum passiert ist, weiß er nicht. Es lag zentral, dort wo die Kämpfe am intensivsten waren. Der Krieg begann plötzlich, es gab keine Möglichkeit, noch Bilder mitzunehmen. „Das Gebäude wurde von einer Bombe getroffen. Keine Ahnung, ob das Feuer das Atelier erreicht hat. Oder ob es geplündert wurde“, sagt Yousif. Einige seiner Bilder waren schon vor ihm in Nairobi, mehrere Galerien führen seit Jahren seine Werke.

Steinmeier kam zum „Käfer-Club Sudan“

In seinem Studio im Sudan blühte das Leben. Jeden Samstag war Tag der offenen Tür, Freundinnen und Freunde kamen mit ihren Familien, brachten Essen mit, spielten Musik. Dort hatte er auch mit Freunden an einem Nachmittag den „VW-Käfer-Club im Sudan“ gegründet. Ein Scherz, aus dem bald ernst wurde. Er zeigt ein Foto von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Besuch im Sudan im Frühjahr 2020, beim spontanen Zusammentreffen mit dem Käfer-Club. „Das waren schöne Zeiten“, sagt Yousif. „Ich vermisse alles, die kleinen Details und die großen.“

Am Unabhängigkeitstag fuhr ein ganzer Karavan von VW-Käfern durch die Stadt und machte Station bei den Familien der Menschen, die während der Revolution 2019 von Sicherheitskräften ermordet wurden. Damals wurde der Langzeitherrscher al-Baschir abgesetzt. In der Revolution spielten Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen und Musiker eine wichtige Rolle. Sie gaben dem Protest Gesichter und Symbole. Bis heute findet man in Khartum Wandgemälde, die Yousif im Rahmen der Revolution gemalt hat.

In seinem Studio in Nairobi läuft sudanesische Musik oder Blues. Sein Aufenthaltsstatus ist unsicher. Aktuell verlängert die kenianischen Regierung die Visa für Menschen aus dem Sudan immer wieder um ein oder zwei Monate. Er arbeitet ohne Unterlass an neuen Serien, hat mehrere Bilder in der Mache. „Ich kann Geld verdienen und es meiner Familie schicken“, sagt er. In Khartum wird er das auf lange Sicht nicht mehr können. „Selbst wenn der Krieg vorbei wäre, die Wirtschaft ist am Boden.“

Von Birte Mensing (epd)