Gute Zeiten für Wilderer? Corona stoppt schützenden Safari-Tourismus

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Löwe in einem kenianischen Schutzgebiet
Nairobi (epd)

Ein Löwe steht zwischen den Bänken, auf denen sonst Touristen im kenianischen Massai-Mara-Nationalpark auf ihr Flugzeug warten. Das prächtige Männchen sucht mit den Augen den Horizont ab, dann lässt es sich im Wartehäuschen neben der Flugpiste auf den Boden fallen. Dass in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten in der Massai Mara Touristen landen, ist nicht zu erwarten.

Beobachtet wird der Löwe nur vom Kamerateam einer Videoagentur. Und von Touristenführer Benson, der in seinem Safariauto unterwegs ist. Alleine. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Benson. In normalen Jahren kommen rund 140.000 Touristen aus aller Welt in die Massai Mara, Kenias berühmtesten Nationalpark. Aber jetzt sind die internationalen Flüge eingestellt und die Hauptstadt Nairobi ist abgeriegelt, um die weitere Verbreitung des Coronavirus zu stoppen.

Einnahmen fehlen

Die Wirtschaft insgesamt und der Tourismus, der zehn Prozent aller Jobs stellt, liegen am Boden. Das trifft die Nationalparks und privaten Schutzgebiete hart. Sie verdanken den Reisenden einen großen Teil ihrer Einnahmen - mit denen auch der Schutz gegen Wilderer finanziert wird.

Das Schutzgebiet Loisaba im Zentrum Kenias hat bereits etwa 40 Prozent seines Budgets verloren, wie Manager Tom Silvester sagt. Seit Mitte März bleiben alle Betten leer. Das bedeutet einen Einnahmeverlust von rund 900.000 US-Dollar. Von dem Geld unterhält Loisaba normalerweise die Infrastruktur im Park, Projekte für die anwohnende Bevölkerung und den Schutz der Wildtiere. 75 Ranger patrouillieren regelmäßig in dem Gebiet, mit einem Flugzeug, mit Autos und zu Fuß.

"Ich habe mich bemüht, vor allem an dem zu sparen, was für den Erhalt des Schutzgebietes nicht existenziell ist", sagt Silvester. "Trotzdem können wir im Park nicht mehr so viel unterwegs sein wie vor der Krise, wir setzen auch das Flugzeug seltener ein."

Elefant erschossen

Silvester befürchtet eine Zunahme der Wilderei, auch weil so viele Menschen ihre Arbeit verloren haben, ihre Familien kaum noch ernähren können. Einen ersten Fall habe es bereits gegeben, wenn auch in einem benachbarten Schutzgebiet. "Dort wurde ein Elefant erschossen, die Stoßzähne wurden entfernt."

In anderen Schutzgebieten sei die Lage noch kritischer, warnt Philipp Muruthi, der stellvertretende Direktor der "African Wildlife Foundation". Die Stiftung fördert den Schutz wilder Pflanzen und Tiere auf dem Kontinent. Staatliche Nationalparks würden zwar im Notfall aus dem Staatshaushalt unterstützt, seien aber grundsätzlich angehalten, sich möglichst selbst zu finanzieren. Und das heißt vor allem: aus dem Tourismus. Private Schutzgebiete könnten im Notfall gar nicht auf den Staat, sondern nur auf Stiftungen oder andere Spender hoffen.

Aus eigenen Mitteln sei aber kaum ein Schutzgebiet in der Lage, sich im üblichen Umfang gegen Wilderei zu schützen. "Wir fürchten, dass viele Fortschritte der vergangenen Jahren verloren gehen", bedauert Murithi. Um das möglichst doch zu verhindern versuche die Stiftung ihrerseits, beim Stopfen der Finanzierungslücken für den Wildtierschutz so gut wie möglich zu helfen.

Hinweise auf mehr Wilderei

Murithi warnt davor, die Bedrohung zu unterschätzen. Noch sei nicht klar, ob die Wilderei infolge der Corona-Krise zunehme. "Aber es gibt Hinweise darauf." Auch er glaubt, dass Anwohner der Schutzgebiete illegal auf Wildtierjagd gehen, wenn sie ihre Familien anders nicht mehr ernähren können.

Das aber berge eine zusätzliche Gefahr: die Infektion mit einer weiteren unbekannten Krankheit. Auch die Corona-Pandemie hat vermutlich damit begonnen, dass ein Erreger aus dem Tierreich auf den Menschen übertragen wurde.

Von Bettina Rühl (epd)