Gefallene Ikone

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Aung San Suu Kyi (2014)
Annäherung an die Militärs hat Suu Kyis Sturz nicht verhindert
Frankfurt a.M., Naypyidaw (epd)

Nach dem Militärputsch landete Myanmars abgesetzte De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi dort, wohin sie vor Jahrzehnten verbannt worden war: im Hausarrest. Der Unterschied ist, dass sie 1988 nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland als Hoffnungsträgerin galt, die den Militärmachthabern in dem südostasiatischen Land die Stirn bot. Als Suu Kyi und ihre Partei "Nationale Liga für Demokratie" (NLD) 2016 schließlich selbst an die Regierung kamen, bekam ihr Image als Demokratie-Ikone aber zunehmend Risse.  

Bei vielen ihrer 54 Millionen Landsleute ist die heute 75-Jährige nach wie vor äußerst populär, wie die Wahlerfolge 2015 und 2020 zeigten. International aber wurde Suu Kyi zunehmend kritisiert. Den Völkermord an den muslimischen Rohingya duldete sie nicht nur, sondern verteidigte die Verbrechen des Militärs sogar öffentlich. Auch wurden unter der NLD Dissidenten verfolgt und inhaftiert. Kritiker quittierten das mit Befremden und Empörung.

Viele Jahre weggesperrt

Als Oppositionsführerin war Suu Kyi von der Militärdiktatur weggesperrt worden. Zwischen 1989 und 2010 verbrachte sie fast 15 Jahre unter Hausarrest oder in Haft, während die Junta damit beschäftigt war, nach Putsch und Niederschlagung einer Demokratiebewegung 1988 ihre Macht zu konsolidieren. Im Mai 1990 ließen die Generäle nach internationalem Druck Wahlen zu. Diese gewann die NLD klar, doch die Militärs erkannten das Ergebnis nie an.

Für ihren friedlichen Widerstand wurde Suu Kyi 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Auch vor Gewalt schreckte das Regime nicht zurück: Im Mai 2003 wurde ein Autokonvoi Suu Kyis von regimetreuen Schlägertrupps angegriffen, zahlreiche Menschen kamen ums Leben.  

Als der Zyklon "Nargis" 2008 das früher Birma genannte Land verwüstete, signalisierten die Generäle allmählich eine politische Öffnung, drückten aber eine Verfassung durch, die ihnen weiter Einfluss sicherte: 25 Prozent der Parlamentssitze blieben für die Armee reserviert, was ihr ein Vetorecht garantierte. Zudem erlaubte eine Klausel den Generälen, in einem "Notfall" die Macht zu übernehmen, was sie jetzt am 1. Februar taten.

Verstörende Aussagen

Den Sieg der NLD vom 8. November 2020 bezeichneten die Militärs als Wahlbetrug, ohne Beweise zu erbringen. Die militätreue Partei USDP fuhr ein klägliches Ergebnis ein. Die "Gesellschaft für bedrohte Völker" wertete den jüngsten Putsch als Katastrophe mit Ansage: Die frühere Demokratie-Ikone Suu Kyi habe vergeblich versucht, sich den Militärs anzubiedern.  Verstörend waren 2013 Aussagen Suu Kyis im britischen Rundfunksender BBC, sie möge die Armee. Diese sei "die Armee ihres Vaters": General Aung San gilt als Gründer der Streitkräfte. Viele schrieben diese Haltung vor allem ihrem Ehrgeiz zu, Präsidentin zu werden. Aber das war ihr laut Verfassung verwehrt. Stattdessen wurde für sie die Position der "Staatsrätin" geschaffen.

Mit der Brutalität der Militärs machte sie sich offensichtlich aus politischem Kalkül gemein: Viele Menschen im mehrheitlich buddhistischen Myanmar hassen die muslimischen Rohingya zutiefst. Ihre moralische Autorität nutzte die Friedensnobelpreisträgerin jedoch nicht, um der Hetze gegen die Minderheit Einhalt zu gebieten.

Verfassungsänderung angestrebt

Stattdessen setzte die NLD andere Prioritäten und versuchte, die Verfassung zu ändern. Das war den Militärs ein Dorn im Auge. Das Verhältnis zwischen ziviler Regierung und Armeespitze galt zunehmend als zerrüttet. Und Armeechef Min Aung Hlaing, hauptverantwortlich für den Völkermord an den Rohingya, wurden selbst politische Ambitionen nachgesagt: Mit seinem 65. Geburtstag im kommenden Juli hätte er als Armeechef in den Ruhestand gehen müssen. Offenbar schwebte ihm eine Zukunft als künftiger Präsident einer USDP-geführten Regierung vor. Die Demütigung der USDP bei den letzten Wahlen habe dieses Ziel vereitelt, erklärte die Rechtsprofessorin an der Universität New South Wales in Sydney, Melissa Crouch, im Sender "Al Dschasira".  

International wird der Putsch zu Recht scharf verurteilt. Und ebenso zu Recht werden Rufe laut, die gewählte Regierung wieder einzusetzen, auch wenn Suu Kyis Niedergang als Demokratie-Ikone lange zuvor begonnen hatte.  

Von Nicola Glass (epd)