Frauenbewegung für das Patriarchat

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Malama Sakina
Niamey (epd).

Malama Sakinas Handy klingelt, wieder einmal. Die 45-Jährige entschuldigt sich für die erneute Unterbrechung und nimmt den Anruf an. Die Anruferin möchte vorbeikommen, Sakina beschreibt ihr den Weg zu ihrem Haus in einem der besseren Wohnviertel von Niamey, der Hauptstadt von Niger. „Sie sucht Rat wegen ihrer Ehe“, erklärt die Islamwissenschaftlerin und Arabischlehrerin, nachdem sie ihr Smartphone zur Seite gelegt hat. Die vielen Anrufe, die sie innerhalb einer Stunde bekommt, zeigen, wie präsent Sakina in der Öffentlichkeit ist. Das liegt vor allem an ihren Predigten in Radio und Fernsehen.

Dass Frauen öffentlich predigen wäre in dem westafrikanischen Land noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen, sagt Abdoulaye Sounaye. Der nigrische Wissenschaftler forscht am Leibniz Zentrum Moderner Orient in Berlin. Seiner Beobachtung nach steigt die Zahl der „Malama“ oder Predigerinnen seit etwa 15 Jahren in den elektronischen Medien rapide. „Die Frauen werden derzeit durch religiöse Organisationen und religiöse Aktivitäten gestärkt.“ Sie hätten eine neue gesellschaftliche Präsenz, neue gesellschaftliche Räume erobert.

Koranschule für Frauen gegründet

Malama Sakina lehrt und predigt regelmäßig in einer „Makaranta“ - einer Koranschule für Frauen -, die sie 2014 gegründet hat. Zuvor studierte sie in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. „Als ich mit dem Abschluss in der Tasche zurückkam, habe ich mir gesagt: Ich bin jetzt dazu ausgebildet, Erwachsenen Arabisch beizubringen. Hier in Niger bin ich mit diesem Wissen genau am richtigen Ort - warum also nicht?“ Aus dem Arabischunterricht mit dem Koran als „Schulbuch“ entwickelte sich der Islamunterricht, daraus das Predigen.

Bald bekam Malama Sakina Sendezeit im Radio, dann auch im Fernsehen. Thema ist alles, was mit Frauen, Kindererziehung und dem Verhalten gegenüber dem Ehemann zu tun hat. Noch immer bleibt es nicht unwidersprochen, wenn Predigerinnen im Fernsehen auftreten. Aber das sei kein Vergleich zum Widerstand, den es anfangs gegen sie gab, erinnert sich die Frau im altrosa Ganzkörperschleier, der ihr freundliches Gesicht freilässt. Der massive Druck habe immer wieder Zweifel an ihrem eigenen Koranverständnis ausgelöst: War es wirklich richtig, dass Frauen durchaus das Haus verlassen, sogar arbeiten dürfen - wenn sie die Pflichten gegenüber Ehemann und Kindern nicht vernachlässigen?

Die Frauen, die Sakinas Rat suchen, wollen vor allem eins: ins Paradies kommen. Von Sakina möchten sie wissen, wie sie sich selbst in schwierigen Situationen entsprechend dem Koran verhalten können, um ihr Seelenheil nicht zu gefährden. Um Autonomie und Selbstbestimmung geht es ihnen nicht.

Die nigrische Frauenbewegung hat einen gesellschaftlichen Kontext: Der Salafismus, eine ultrakonservative Strömung des Islams, ist in einigen westafrikanischen Staaten auf dem Vormarsch. Sein Ziel ist die geistige Rückbesinnung auf die Wurzeln des Islams, die Rückkehr zum muslimischen Rollenverständnis. „Wir haben uns umgeschaut und überall den Verfall der Sitten gesehen“, erklärt Sakina den Beginn der wachsenden Präsenz von Predigerinnen. „Daraufhin haben wir uns gesagt: Die Rolle der Frau ist es, Mutter zu sein. Wir müssen den Mund aufmachen und das verbreiten. Das hat uns den Mut gegeben, weiter zu predigen.“

Politik als Sphäre der Männer

Immer wieder betonen die Predigerinnen, dass sie nicht über Politik sprechen, nicht über die Sphäre, die sie als Reich der Männer verstehen. Islamforscher Sounaye erkennt in ihrer Bewegung trotzdem etwas Politisches. Er erinnert an die Reaktion auf das Protokoll von Maputo, das Frauen in Afrika mehr Rechte in der Öffentlichkeit und in der Politik einräumen sollte und 2005 in Kraft trat. „Die ersten, die das Protokoll von Maputo anfochten, waren islamische Frauenorganisationen“, sagt Sounaye. Ähnlich sei es 2012 gewesen, als die Regierung von Niger beschloss, einen Gesetzesentwurf zur Förderung der Schulbildung von Mädchen vorzulegen. „Dagegen leisteten islamische Frauenorganisationen entschlossenen Widerstand.“

Eine der Anführerinnen dieser Bewegung war dem Wissenschaftler zufolge Malama Houda. Die Arabischlehrerin war vor 25 Jahren eine der ersten, die Sendezeit im Radio bekam. Das Frauenbild der 65-Jährigen und der anderen Predigerinnen entspricht ihrem Verständnis nach buchstabengetreu dem Koran. „Der Koran ist seit Jahrhunderten unverändert gültig“, erklärt sie. Das Rollenverständnis westlicher Frauen lehnt sie ab. Bei Besuchen in den USA und in Kanada habe sie den Eindruck gehabt, dass die Frauen dort „wie die Roboter“ arbeiten müssten. Muslimische Frauen hingegen seien wie Prinzessinnen, da der Mann sich um alles zu kümmern habe.

Von Bettina Rühl (epd)