Ersatzfamilie im Nachbarland

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Brian Kasaali (2.r.) und seine Mitbewohner im Nature Network
Ein Zufluchtshaus für ugandische Homo- und Transsexuelle in Kenia
Nairobi (epd).

Mit Gummistiefeln an den Füßen steht Robert Luzinga im Vorgarten und gräbt die Erde um. Der 30-Jährige möchte Kartoffeln und Gemüse pflanzen. Die Gartenarbeit lenkt ihn ab. Luzinga ist vor acht Jahren aus Uganda nach Kenia geflüchtet, Alex Nsamba, der ihm beim Umgraben hilft, vor sieben. In einem Vorort der kenianischen Hauptstadt Nairobi leben die beiden mit sieben weiteren Flüchtlingen aus Uganda zusammen. Sie alle wurden in ihrer Heimat verfolgt, weil sie schwul oder transgender sind. Zwei von ihnen kamen nur knapp mit dem Leben davon, eine Menschenmenge hätte sie beinahe gelyncht.

„Die anderen sind wie eine Familie für mich“, sagt Luzinga über seine Mitbewohner. Sie und die früheren Bewohner dieses Zufluchtsortes bilden die Hilfsorganisation Nature Network, die sich durch Spenden finanziert. Sie alle haben ihre Herkunftsfamilien verloren, wurden wegen ihrer sexuellen Orientierung verflucht und verjagt. Sie verloren außerdem ihre Freunde, ihren Job, ihre Heimat. Manche von ihnen alles an einem einzigen Tag. Nun sind sie füreinander da, helfen einander, hören zu und unterstützen.

Vater verfluchte und enterbte ihn

Robert Luzinga geht in den Garten, wenn seine Gedanken ihn quälen. Die Erinnerung an seine Mutter vor allem, „sie war wie meine Anwältin“. Sie habe zu ihm gestanden, auch nachdem er ihr als Jugendlicher erzählt hatte, dass er schwul sei. In der konservativen und homosexuellenfeindlichen ugandischen Gesellschaft war das ein gewagtes Bekenntnis. „Meine Mutter sagte nur, ich solle vorsichtig sein und das nicht an die große Glocke hängen“, erzählt Luzinga.

Doch seine Mutter starb früh, und wenig später wurde Luzinga gegen seinen Willen von einem ugandischen Journalisten geoutet. Sein Vater verfluchte und enterbte ihn, auch seine sechs Geschwister brachen den Kontakt zu ihm ab. Wenn er sie anrufen möchte, um ihre Stimme zu hören und sie zu grüßen, nehmen sie nicht ab.

Ein Freund empfahl ihm, sich nach Kenia zu retten, dort seien die Gesetze zumindest etwas liberaler. Doch auch in Kenia können homosexuelle Handlungen mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden. Und jeder zweite Schwule hat bereits offene Gewalt erlebt. Gleichzeitig ist es das einzige ostafrikanische Land, in dem Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle aufgrund ihrer Identität Asyl beantragen können.

Strafmaß bis lebenslang

In Uganda dagegen ist der Einfluss radikal-christlicher Politiker ungleich stärker. Noch 2013 diskutierte das Parlament über einen Gesetzesentwurf, der unter anderem die Todesstrafe vorsah. Dieser Absatz wurde erst unter massivem internationalem Druck wieder zurückgenommen. Ohnehin reicht das noch aus der Kolonialzeit stammenden Strafmaß auch heute bis zu lebenslanger Haft. Radikal-christliche Politikerinnen und Politiker schüren weiterhin die Kampagnen gegen Homosexuelle. Medien ziehen immer wieder mit, es gab mehrere massenhafte Outings.

Sicher fühlen sich die Mitglieder des Nature Network allerdings auch in Kenia nicht. Viele haben schon Gewalt erlebt, wurden gejagt, zusammengeschlagen, verletzt. Auch ihr wirtschaftliches Überleben ist schwierig. Zwar wurden sie alle vom UN-Flüchtlingswerk registriert und bis auf einen, dessen Asylverfahren noch läuft, auch anerkannt, „aber vom UNHCR kriegen wir trotzdem kein Geld“, kritisiert der 27-jährige Sulah Mawejje. Mit dem Laptop auf den Knien arbeitet er gerade an einem Förderantrag. Auf solche Zuwendungen sind sie angewiesen: Flüchtlinge haben in Kenia keine Arbeitserlaubnis. Die Arbeit im Vorgarten dient deshalb auch dem Überleben: Sie wollen selbst etwas anbauen, um etwas unabhängiger von Spenden zu werden.

Die Arbeit für die Gemeinschaft folgt einem klaren Plan. Das gemeinsame Abendessen ist für alle der Höhepunkt des Tages. Wenn sie auf den Sofas und dem Teppich im Wohnzimmer zusammensitzen und essen, erzählen sie einander die Zumutungen des Tages, frotzeln ausgelassen, sprechen über ihre Träume. Einen Wunsch haben sie alle: nie wieder fliehen zu müssen. Und in einem sicheren Drittland angesiedelt zu werden, in Kanada, den USA oder Deutschland. Der entsprechende Antrag läuft bei manchen schon seit sechs oder sieben Jahren. Trotzdem haben sie Hoffnung, denn einige von ihnen haben es bereits geschafft.

Für die 35-jährige Brian Kasaali, die sich als Frau fühlt, auch wenn sie wie ein Mann aussieht, ist die Aussicht am konkretesten: Sie wird bald in die USA fliegen, braucht als letztes Dokument ein Gesundheitszeugnis. Brian strahlt, sie wird dort ihren Lebenspartner wiedertreffen, die beiden sind seit fünf Jahren zusammen und seit einem Jahr räumlich getrennt. Brian ist sich sicher, dass zumindest ihr Leben bald leichter wird.

Von Bettina Rühl (epd)