Ein Jahr Aufbruch in Äthiopien

s:11:" Abiy Ahmed";
Abiy Ahmed
Abiy hat das Land geöffnet, doch der Wandel könnte zu langsam sein
Genf, Addis Abeba (epd)

Als Abiy Ahmed am 2. April vergangenen Jahres zum neuen Ministerpräsidenten gewählt wurde, feierten viele junge Äthiopier auf den Straßen. Der 1976 geborene Abiy galt vielen als Hoffnungsträger, weil er jünger ist als seine Vorgänger und der Oromo-Volksgruppe angehört. Nach jahrelangen Protesten der Oromo wurde erstmals seit dem Ende der Mengistu-Diktatur 1991 ein Vertreter der größten Ethnie des Landes zum Regierungschef gewählt. Ein Jahr später ist der Enthusiasmus immer noch groß. Doch Proteste von Gegnern und auch einstigen Anhängern zeigen, dass die von Abiy angeschobenen Reformen nur ein Anfang sein können.

Sein Vorgänger Heilemariam Desalegn war im Februar 2018 zurückgetreten. Unter dessen Regime hatte Abiy noch den berüchtigten Internet-Geheimdienst mit aufgebaut. Umso erstaunlicher war und ist die Geschwindigkeit, mit der er das Land mit seinen 105 Millionen Einwohnern seit seiner Wahl geöffnet hat: In den ersten Wochen ließ Abiy Tausende politische Gefangene frei und verbotene Parteien wieder zu. Er schloss Frieden mit Eritrea und vergab die Hälfte der Kabinettsposten, das oberste Richter- und das Präsidentenamt an Frauen. Für 2020 hat Abiy freie Wahlen versprochen. Zur Chefin der Wahlkommission kürte er eine prominente Oppositionelle.

Angst verloren

Die Folgen scheinen unumkehrbar: Menschen haben ihre Angst vor den früher omnipräsenten Spitzeln verloren, reden offen über Politik. Doch es gibt auch Verlierer, allen voran die früheren Profiteure des Regimes. In seinem ersten Amtsjahr hat Abiy einen Anschlag und einen Putschversuch überstanden. Vor allem im Militär, dessen korrupte Geschäfte durch Ermittlungen der Regierung mehr und mehr ans Licht kommen, gibt es Widerstand. Viele Generäle stammen aus Tigray, der Provinz im Norden, die von Abiys autoritären Vorgängern bevorzugt wurde. Sie wollen keinen Oromo an der Staatsspitze.

Vielen radikalen Oromo dagegen geht Abiys Politik nicht weit genug. Sie fordern die Abspaltung Oromias von Äthiopien und die Einverleibung der Hauptstadt Addis Abeba in ihren neuen Staat. Auch in anderen Regionen überfallen Extremisten Äthiopier vermeintlich fremder Herkunft, Zehntausende sind auf der Flucht. Tausende Menschen gingen Anfang März am Stadtrand von Addis Abeba auf die Straße, wo die Regierung neue Armensiedlungen versprach. Die 51.000 geplanten Sozialwohnungen, so die Kritik, lägen jenseits der Stadtgrenze. Der Streit um die ständige Ausweitung der Hauptstadt aber hatte 2015 die Proteste erst ausgelöst, die Abiy an die Macht brachten.

Über den Erfolg von Abiys Reformkurs wird am Ende wohl das Schicksal der jungen Menschen vor allem auf dem Land entscheiden. Wenn es ihnen nicht bald deutlich bessergeht, droht Abiy bei wirklich freien Wahlen im kommenden Jahr eine Niederlage. "Ich habe drei Brüder und fünf Schwestern", sagt etwa die 22-jährige Gede Adujona, die wie der Regierungschef in der Provinz Oromia aufgewachsen ist. Anders als er musste sie die Volksschule nach der zehnten Klasse abbrechen. "Ich hatte gute Noten und hätte weiter zur Schule gehen können, aber meinen Eltern fehlte das dafür nötige Geld."

Zwei Drittel unter 25

Adujona tat, was in Äthiopien die meisten jungen Frauen in ihrer Lage tun: Sie heiratete, um ihrer Familie nicht länger zur Last zu fallen. Inzwischen arbeitet die Mutter einer kleinen Tochter in einem eigenen Start-Up, das von der Hilfsorganisation Menschen für Menschen initiiert wurde. Dort reinigt sie mit neun anderen die leuchtend gelbe Nigersaat, die die Hügel der Region bedeckt und zu Speiseöl verarbeitet wird. Noch sind solche Erfolgsgeschichten selten, obwohl Abiys Regierung einen Schwerpunkt auf die ländliche Entwicklung und Arbeitsplätze im eigenen Land legt.

Die Herausforderung ist riesig: 70 Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier, zwei Drittel der Gesamtbevölkerung, sind unter 25. Arbeitslosenstatistiken gibt es nicht, aber mindestens 30 Millionen sollen ohne Job sein. Der Rest arbeitet oft als Tagelöhner auf den Feldern oder im informellen Sektor der Städte. Viele junge Menschen gehören zur vielleicht am besten ausgebildeten Generation ihres Landes, doch das scheint keine Verwendung für sie zu haben. Die daraus resultierende Perspektivlosigkeit, Frust und Zorn sind nicht verschwunden, sondern können jederzeit wiederkehren.

Von Marc Engelhardt (epd)