Die Scharia und die Taliban

Frankfurt a. M. (epd).

Scharia bezeichnet das islamische Rechtssystem, das jedoch nicht einheitlich kodifiziert ist. Das Wort kommt aus dem Arabischen und hat sich als Begriff für die „göttliche Ordnung“ durchgesetzt. Fast alle islamischen Staaten wenden die Scharia aber nur im Personen- und Familienrecht an. Bei Straftaten gelten meist andere Gesetze. In die Schlagzeilen gerät die Scharia nun wieder, weil die radikalislamistischen Taliban in Afghanistan nach ihrer Machtübernahme angekündigt haben, dass die Scharia in einem „Islamischen Emirat Afghanistan“ gelten solle.

Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Frauen nur noch vollverschleiert und in Begleitung einer männlichen Person in die Öffentlichkeit dürfen oder keine Schulen besuchen dürfen - ähnliche Regeln galten bereits in den 90er Jahren, als die Taliban in Afghanistan schon einmal die Herrschaft übernommen hatten.

In der Tat bekennen sich die Taliban zu den sogenannten Hadd-Regeln (Plural: Huddud). Hadd-Verbrechen bedeutet übersetzt „Grenzvergehen“. Es sind Vergehen, die als Verbrechen gegen Gott gelten. Zu den schwersten zählen etwa Ehebruch, außerehelicher Geschlechtsverkehr, Abtrünnigkeit vom Glauben, Alkohol trinken, Raub und Diebstahl. Die Scharia definiert dafür schwere Strafen, beispielsweise die Steinigung bei Ehebruch, Stock- und Peitschenhiebe beim Genuss von Alkohol oder dem Konsum anderer Drogen und die Todesstrafe bei einer Abkehr vom Islam.

Große Interpretationsspielräume

Doch auch wenn viele islamisch geprägte Staaten die Scharia anwenden, sind die Interpretationsspielräume enorm - etwa was die Rechte von Frauen angeht. Denn auch dort, wo die Scharia Freiräume lässt etwa bei Bildungschancen, verstellen strenge traditionelle und kulturelle Normen Frauen oft den Weg.

Das islamische Recht leitet sich aus mehreren Quellen ab: dem Koran und der Tradition des Propheten („Sunna“). Die Lebensweise und die Worte Mohammeds („Hadith“) wurden erst mündlich überliefert und dann in verschiedenen Schriftensammlungen niedergelegt. Sie spielen für den Alltag der Gläubigen eine wichtige Rolle, da im Koran viele Aspekte des täglichen Lebens nicht klar geregelt sind. Hinzu kommen theologische Interpretationen.

Die Scharia, so wie sie heute aufgefasst wird, wurzelt in Regelungen einiger Rechtsfragen aus der Zeit der arabischen Stammesgesellschaften des 7. und 8. Jahrhunderts, die durch Theologen und Juristen bis zum 10. Jahrhundert normativ ausgelegt wurden und in der Etablierung von mehreren Rechtsschulen mündeten, unter denen die schiitischen und die sunnitischen unterschieden werden.