Bedrohter Schatz
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Das Feuchtgebiet Pantanal liegt in Brasilien, Bolivien und Paraguay
Die artenreiche Sumpflandschaft Pantanal könnte verschwinden
Rio de Janeiro, Zé Alves (epd).

Hitze flimmert über die Sojafelder am Rande von Zé Alves. Der Weg von der kleinen Gemeinde bis zu den Flüssen und Sümpfen des Pantanal im Westen Brasiliens ist weiter geworden - Landwirtschaft und zunehmende Trockenheit drängen das einzigartige Ökosystem zurück. „Das Pantanal wird immer mehr zerstört“, sagt Pedro Ponce. Der 64-Jährige lebt in dem Dorf nahe der Kleinstadt Poconé, dem Tor zum Pantanal, und hat die Veränderungen hautnah miterlebt.

Das Pantanal ist das größte Binnen-Feuchtgebiet der Welt mit einer Fläche rund halb so groß wie Deutschland. Es erstreckt sich in den brasilianischen Bundestaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul, sowie in Teilen der Nachbarländer Bolivien und Paraguay. Die Sumpflandschaft gilt als eine der artenreichsten Regionen in der Welt. In den verzweigten Flüssen leben über 250 Fischarten, mehr als 650 Vogelarten nisten an den Ufern. Aber auch Krokodile, Riesenottern und Wasserschweine bevölkern Wasser und dichtes Buschwerk.

Biodiversitätsparadies

„Das Pantanal ist ein einzigartiges, aber auch sensibles Ökosystem“, erläutert Solange Ikeda, Biologin am nicht-staatlichen Instituto Gaias in Cáceres. Das Gebiet lebe aus einem einzigartigen Rhythmus aus Überflutung und Trockenheit. Aber der Druck auf dieses Biodiversitätsparadies wächst.

Bedroht wird das Ökosystem durch die intensive Landwirtschaft in der Region. Schon lange gibt es hier Rinderhaltung und Ackerbau, die rote Erde ist fruchtbar. In den vergangenen Jahren wurden allerdings die gesetzlichen Vorschriften gelockert. Es ist nun einfacher, Flächen auch innerhalb des Feuchtgebietes zu bewirten. Dafür hat der jüngst abgewählte rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro gesorgt. Er ist ein Verbündeter des Agrobusiness und hat in seinen vier Jahren Amtszeit den Umweltschutz massiv geschwächt.

Gerade für den Anbau von Soja, das als Futtermittel für die Massentierhaltung unter anderem nach Europa exportiert wird, wird in vielen Teilen Brasiliens die Natur zerstört. Quer durch den Bundestaat Mato Grosso zieht sich der sogenannte „Bogen der Abholzung“, den man auf Satellitenbildern gut sehen kann. Am 30. Oktober unterlag Bolsonaro in der Stichwahl knapp dem linken Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der im Wahlkampf mehr Umweltschutz versprochen hat. Was das genau für das Pantanal heißt, ist allerdings noch unklar.

Der Sojaanbau führt nicht nur zum Verlust von Artenvielfalt - für die oft riesigen Monokulturen werden auch große Mengen an Pestiziden eingesetzt, oftmals mit dem Flugzeug. „Das landet alles auf unseren Tellern“, ist Pedro Ponce überzeugt. Übertrieben ist das nicht: Immer wieder werden Rückstände der Giftstoffe im Grundwasser festgestellt.

80 Prozent der Wasseroberflächen verschwunden

Neben der Agrarpolitik setzt auch die Klimakrise dem Pantanal zu. Seit 1985 sind im Schnitt 80 Prozent der Wasseroberflächen verschwunden. Anfang des Jahres warnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass das Ökosystem kurz vor dem Kollaps steht. „Schau dir den Wasserstand unseres Flusses an“, sagt Sandra da Silva. Die Guató-Indigene lebt im Dorf Aterradinho in einem Schutzgebiet für Ureinwohner im Pantanal. Die Gemeinde liegt an einem der verzweigen Flussläufe und ist nur mit dem Boot zu erreichen.

„So niedrig stand das Wasser früher nie!“, sagt da Silva. In ihrer direkten Umgebung kann sie beobachten, was die zunehmende Trockenheit mit der Natur macht. Bäume, aus denen sie früher Medizin gewonnen hat, gibt es nicht mehr. „Außerdem müssen wir immer weiter mit dem Boot fahren, um gute Fische zu fangen“, erzählt sie. Ein Großteil der Dorfbewohner lebt in der einen oder anderen Weise vom Fischfang.

Auch die Biologin Ikeda sieht die Folgen der Klimakrise: „Seit mindestens zehn Jahren beobachten wir, dass es weniger regnet“, sagt sie. „Es ist unvorhersehbar, was noch auf uns zu kommt“. 2020 haben Hitze, Trockenheit und menschliches Versagen in der Region zu einer Umweltkatastrophe geführt. Rund ein Drittel des Pantanals brannte bei den schlimmsten Feuern, die die Region je gesehen hatte. 17 Millionen Tiere verendeten in den Flammen.

Solange Ikeda und Pedro Ponce sehen auch politisches Versagen als Grund für die angespannte Situation in der Region. „Bolsonaro will nur zerstören“, bringt es Ponce auf den Punkt. Er hat in den vergangenen Monaten Wahlkampf für Lula gemacht und ist nun erleichtert über dessen Sieg. Biologin Ikeda erzählt auch, dass es unter Bolsonaro immer schwieriger wurde, Umweltthemen zu diskutieren. „Viele Leute hatten Angst ihre Meinung zu sagen.“ Ikeda und Ponce hoffen beide, dass das Pantanal nun unter Lula besser geschützt wird.

Von Lisa Kuner (epd)