Baby statt Schule

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Evelyne Odhiambo vom kenianischen "Netzwerk für reproduktive Gesundheit"
Nairobi (epd)

In der schmalen Gasse zwischen den Wellblechhütten hängt Wäsche. Wer zu Lynette Nandora möchte, muss sich bücken oder durch die feuchten Kleidungsstücke schlängeln. "Ich wollte es nicht", sagt die 18-Jährige und meint das Kind, mit dem sie im vierten Monat schwanger ist. Den Vater habe sie kaum gekannt. Der 24-Jährige ist Motorradtaxi-Fahrer in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

"Wir haben uns kennengelernt, als er mich gefahren hat", erzählt Lynette. Unter dem Mund-Nasen-Schutz ist ihre leise Stimme kaum zu verstehen. "Danach hat er mir Pommes gekauft, das nächste Mal Schuhe. Wir haben uns ein paarmal getroffen." Eines Abends seien sie zu ihm nach Hause gegangen. "Er hat mich geschwängert. Er hat mich dazu gezwungen."

Die kenianische Regierung ist alarmiert über die Zunahme von Kindesmissbrauch, sexueller Gewalt und Teenager-Schwangerschaften seit Beginn der Corona-Pandemie. Laut dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofes in Kenia, David Maraga, war die Zahl der gemeldeten sexuellen Gewalttaten schon zwei Wochen nach den ersten Corona-Restriktionen um ein Drittel gestiegen.

Immer mehr Hilferufe

Auch die Direktorin im Gesundheitsministerium, Mercy Mwangangi, sieht einen Zusammenhang mit der Pandemie. Weil die Schulen seit Mitte März geschlossen sind und viele Erwachsene ihre Jobs verloren haben, verbringen viele Familien ihre Tage zusammen zu Hause. "Wir wissen, dass bei Vergewaltigungen die Täter dem Kind oder dem Opfer in 60 Prozent aller Fälle bekannt sind", sagt Mwangangi. "Das bedeutet, dass es jemand aus dem gleichen Haushalt ist, oder dem Umfeld."

Kenia ist bisher, was den Infektionsverlauf angeht, vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen. Bei einer Bevölkerung von rund 50 Millionen wurden bis Ende September weniger als 40.000 Infektionen und knapp 700 Todesfälle registriert. Ein Grund dafür könnten die frühen und rigorosen Maßnahmen der Regierung sein. So wurden Schulen und Universitäten bereits kurz nach Bekanntwerden der ersten Fälle auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Doch die Einschränkungen haben gravierende Folgen, nicht nur eine schwere Wirtschaftskrise. Bereits im Juni berichteten einige Distrikte, dass die Zahl der Teenagerschwangerschaften in die Höhe geschossen sei. Seitdem kommen laut Evelyne Odhiambo immer mehr Hilferufe beim "Netzwerk für Reproduktive Gesundheit" an, für das sie arbeitet. Die Initiative kämpft dafür, dass Frauen und Mädchen aufgeklärt werden, Zugang zu Verhütungsmitteln haben und im Notfall für einen Schwangerschaftsabbruch zu Fachkräften gehen können, statt bei Quacksalbern ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Prostitution

Sexuelle Gewalt in den Familien sei nicht der einzige Grund für die hohe Zahl ungewollter Schwangerschaften bei Mädchen, betont Odhiambo. "Viele Eltern haben keinen Job mehr, keinerlei Einkommen. Das einzige, was ihnen einfällt ist, ihre Tochter rauszuschicken, damit sie Sex hat und mit Geld zurückkommt." Manchmal sei der Druck der Eltern gar nicht nötig, die Mädchen hätten selbst das Gefühl, dass sie zum Familieneinkommen beitragen müssen, auf welche Weise auch immer.

Auch Lynette wollte ihre Eltern unterstützen, aber nicht auf die Weise. Eigentlich lebt sie im Westen Kenias in einem Dorf. Als die Schulen geschlossen wurden, beschloss sie, in Nairobi Arbeit zu suchen. Aber auch dort gab es für Aushilfskräfte wie sie keine Jobs mehr. Umso attraktiver erschien ihr der Motorradfahrer, der ihr hier und da etwas Geld zusteckte - zunächst, ohne dafür Sex zu verlangen. Lynette kaufte sich davon Hygienebinden, Schuhe, Kleidung. Als er sie aufforderte, zu ihm nach Hause zu kommen, sei sie völlig unbedarft gewesen. Kein Wunder, meint Odhiambo: "Sexualerziehung ist in Kenia nicht Teil des Lehrplans."

Die Folge: Viele junge Frauen wissen nur grob Bescheid und haben keine Ahnung, welche Verhütungsmittel es gibt. Aus Odhiambos Sicht ist das ein weiterer Grund für die hohe Zahl von Teenager-Schwangerschaften. Laut offiziellen Zahlen von 2014 verlassen in Kenia jedes Jahr etwa 13.000 Mädchen die Schule, weil sie ein Kind erwarten. Eines von fünf Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren ist entweder schwanger oder bereits Mutter.

Abschied vom Traum

Gesetzgeber, religiöse Gruppen und andere Interessensvertreter streiten seit Jahren, ob und in welcher Weise junge Menschen in der Schule aufgeklärt werden sollen. Vor allem die konservativen Christen blockieren. Das Nachsehen haben junge Frauen wie Lynette. Sie wäre gerne Lehrerin geworden, aber von dem Traum hat sie sich verabschiedet. "Ich werde nicht wieder in die Schule gehen", sagt sie leise. "Die anderen Schülerinnen werden mich auslachen. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben am Ende ist." Sie werde sich einen Job suchen und Geld für sich und das Kind verdienen - nicht leicht, in Zeiten von Corona.

Immerhin hat sich die kenianische Regierung im vergangenen Jahr verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ab 2030 keine Teenager mehr schwanger werden. Aber durch die Corona-Krise geht es damit nicht voran, sondern erst einmal zurück.

Von Bettina Rühl (epd)