Abgeschoben in die Wüste

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Said Sangare und seine Frau Fatumata aus Guinea im Transitzentrum der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Agadez
Agadez (epd)

Die Sangarés hatten Glück, sie wurden gefunden. Saïd Sangaré, seine Frau und der kleine Sohn waren aus Algerien abgeschoben worden. Nach einer längeren Tortur in den Händen der Polizei fand sich die Familie wie viele weitere Migranten in der Wüste zwischen Algerien und Niger wieder, ohne Wasser oder Lebensmittel - bei Temperaturen, deutlich über 40 Grad Celsius. Die Sangarés überlebten, weil sie auf ein Team der Internationalen Organisation für Migration (IOM) stießen.

Seitdem ist die Familie aus Guinea in einem Transitzentrum der IOM in Agadez, einer Stadt im Norden der Republik Niger. "Die beiden waren zu Hause, die Polizisten haben die Tür eingeschlagen und sie mitgenommen, während ich bei der Arbeit war", erzählt Saïd Sangaré über die Gefangennahme seiner Frau Fatumata und des sieben Monate alten Mohameds in Algerien. Der 32-Jährige sitzt auf einer Matratze, die auf dem nackten Betonboden liegt. Der kräftige Mann wirkt müde und abgekämpft. Er selbst sei kurz danach bei einer Razzia auf der Baustelle in der Hauptstadt Algier festgenommen worden, auf der er gearbeitet habe.

"Uns blieb nur, was wir am Leib trugen", sagt die 26-jährige Fatumata Sangaré. Sie habe noch ein paar Sachen zusammenpacken wollen, durfte aber nicht. Der sieben Monate alte Mohamed hatte nicht einmal eine Hose an, nur eine Windel und ein T-Shirt.

Rassistischer Unterton

"Sie haben unseren gesamten Besitz gestohlen", sagt der Familienvater. Auch das Geld, das er während seiner drei Jahre in Algerien sparen konnte: 3.500 Euro und 200.000 algerische Dinar, umgerechnet etwa 1.400 Euro. "Von dem Geld wollte ich uns in unserer Heimat eine Existenz aufbauen."

Dass Algerien Menschen aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara rigoros abschiebt, beobachtet die IOM seit September 2017. Einige Wochen zuvor hatte die Regierung ein entsprechendes Programm angekündigt, mit einem rassistischen Unterton. Außenminister Abdelkader Messahel erklärte, Migranten aus Ländern südlich der Sahara seien eine Bedrohung für die Sicherheit seines Landes, ihre Einwanderung eine "Plage". Algerien ergreife Maßnahmen und folge dabei "dem Beispiel vieler anderer Staaten, einschließlich der europäischen Staaten".

Seitdem ist die Zahl derjenigen, die nach Niger abgeschoben wurden, deutlich gestiegen. 2018 waren es 25.000 Menschen, darunter auch afrikanische Arbeitskräfte mit gültigen Papieren und anerkannte Flüchtlinge. Der UN-Sondergesandte für die Menschenrechte von Migranten, Felipe González Morales, hat die Massenabschiebungen scharf kritisiert: Sie verletzten internationales Recht auf drastische Weise. Seine Kritik blieb ohne Folgen. Die nigrische Regierung nimmt die Abschiebungen aus Algerien in aller Regel hin.

Immer mehr Abgeschobene brauchen laut IOM Hilfe für die Rückkehr in ihre Herkunftsländer. 2018 seien es 15.000 Menschen gewesen, fast zehnmal so viel wie 2015. Das Budget der Organisation habe sich in diesem Zeitraum entsprechend erhöht, sagt Martin Wyss, der die Mission der UN-Organisation im Niger leitet. "Die EU hat in Anführungszeichen ihr Ziel erreicht, den Migrationsfluss nach Norden zu unterbinden." Aber die Arbeit der IOM habe dadurch massiv zugenommen, weil sehr viele Menschen, die jetzt vom Norden zurückwollten, Unterstützung bräuchten auf ihrem Heimweg.

In Viehtransporter gepfercht

Wie diese Unterstützung aussieht und ob sie auch eine Eingliederungshilfe in ihrer Heimat bekommen, ist Wyss zufolge von Land zu Land verschieden. Manche erhielten individuelle Förderung, andere für gemeinschaftliche Projekte. Auf Hilfe angewiesen sind demnach nicht nur Abgeschobene aus Algerien, sondern auch Flüchtlinge, die aus Internierungslagern in Libyen zurückgeholt wurden und Arbeitssuchende, die auf dem Weg nach Norden bereits im Niger hängengeblieben sind.

Die Sangarés sind froh, am Leben zu sein. Wie Saïd erzählt, wurden er und seine Familie nach ihrer Festnahme mit anderen Migranten in Viehtransporter gepfercht und nach Tamanrasset gefahren, einer Oase im Süden des Landes. Dort seien sie ausgeladen und von der Gendarmerie nochmals ausgeraubt worden. Danach habe man sie in einen Hof gesperrt und etliche von ihnen brutal geschlagen. Anschließend wurden sie an die algerisch-nigrische Grenze gebracht, an den sogenannten Point Zero, einen Grenzpfosten in den Weiten der Sahara.

Auch andere, die aus Algerien abgeschoben wurden und vorübergehend in dem Transitzentrum unterkamen, berichten, dass sie ohne Wasser oder Verpflegung ausgesetzt worden seien. Die nächste Stadt Assamaka ist zwölf Kilometer entfernt. IOM-Mitarbeiter sind nun regelmäßig im Grenzbereich unterwegs.

Die Sangarés wollen nur noch nach Hause. "Ich rate allen meinen schwarzen Brüdern, zu Hause zu bleiben", sagt Saïd. "Wenn du in Algerien arbeitest, steckst du in der Scheiße - ob du bei der Arbeit bist oder zu Hause." In den Straßen der Hauptstadt schmissen die Kinder mit Steinen nach Schwarzen. "Ich kann nur sagen: Ich verabscheue mittlerweile die Idee, zum Arbeiten anderswo hinzugehen."

Von Bettina Rühl (epd)