Düstere Farben, Narben und ein gefesseltes Lamm

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Kunstsammlung NRW zeigt Picasso-Werke aus Kriegsjahren 1939 bis 1945
Düsseldorf (epd)

Der Mann trägt ein gefesseltes Lamm im Arm. Daneben zeigt eine Skizze mehrere Tiere in dem für Pablo Picasso typischen klaren Strich: Die Schafe scheinen zu klagen. Entstanden sind die Bilder Mitte Juli 1942. An diesen Tagen wurden 12.000 jüdische Bürger im von Deutschen besetzten Frankreich verhaftet und viele von ihnen in der Radrennbahn, dem Wintervelodrom, in Paris festgehalten.

Picasso (1881-1973) malt die Vorgänge nicht unmittelbar. Er sei kein Fotograf, der Ereignisse darstellen wolle, sagt er später. "Aber ich bin sicher, dass der Krieg Eingang genommen hat in die Bilder, die ich geschaffen habe." Unter dem Titel "Pablo Picasso - Kriegsjahre 1939 bis 1945" zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen vom 15. Februar bis 14. Juni 70 Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Skulpturen des spanischen Künstlers im Museum K20 in Düsseldorf.

Zwischen Rückzug in die Provinz und Arbeit mitten in Paris spielt sich Picassos Leben während der Kriegsjahre ab. Er schließt sich - darauf macht NRW-Kulturministerin Isabell Pfeiffer-Poensgen (parteilos) aufmerksam - nicht dem Widerstand an, wenn er auch gelegentlich verfolgten Künstlern oder Galeristen hilft. Den Nationalsozialisten gilt Picasso als "entartet". Sie verbieten Ausstellungen seines Werks. Dennoch arbeitet er weiter. Allein 270 Gemälde seien in diesen Jahren entstanden, sagt Ausstellungskuratorin Kathrin Beßen.

Als der Krieg sich im Sommer 1939 ankündigt, zieht Picasso mit seiner Lebensgefährtin Dora Maar - die er in dieser Schaffensphase oft malt - in das ruhigere Städtchen Royan in Westfrankreich, wo bereits seine andere Lebensgefährtin, Marie-Thérèse Walter, und die gemeinsame Tochter Maya leben. Obwohl deutsche Truppen im Juni 1940 Paris besetzen, kehrt Picasso aber schon bald in die Hauptstadt zurück und arbeitet während der Kriegsjahre dort in seinem Atelier. Picasso habe weitgehend unbehelligt als öffentliche Person gelebt, heißt es im Ausstellungskatalog. Er habe auch seinen Lebensstandard halten können und in diesen Jahren weniger gelitten als andere.

Dennoch hält Museumsleiterin Susanne Gaensheimer die gedeckten, dunklen Farben der Gemälde, die Narben, die Picasso in Gesicht und Figur von Dora Maar malt, für einen Ausdruck der Gewalt und des Leids der Kriegszeit. Auch das Stillleben mit blutigen Schafsschädeln aus dem Jahr 1939 lässt sich als Klage und Aufschrei sehen. Außer dem Krieg in seiner unmittelbaren Umgebung beschäftigt Picasso der Bürgerkrieg in seinem Heimatland Spanien.

Mit dem Tod seiner Mutter 1939 muss er zudem einen persönlichen Schmerz verkraften. Die Kunsthistoriker sind sich aber einig, dass Picasso nie mehr so eindeutig die Auswirkungen des Kriegs dargestellt hat wie in seinem monumentalen Gemälde "Guernica", das er 1937 als Antwort auf das Bombardement der spanischen Stadt durch die deutsche Wehrmacht gemalt hatte.

Die Düsseldorfer Ausstellung, die als französisch-deutsche Zusammenarbeit zuvor in Grenoble gezeigt wurde, ist auf sieben Räume konzentriert und chronologisch geordnet. Eine Rarität ist ein Zyklus von fünf Zeichnungen, in denen Picassos Arbeitsweise erkennbar wird: auf zwei Darstellungen einer liegenden Frau - noch weitgehend realistisch - folgen Studien, wie daraus ein Frauenbild in dem für Picasso typischen Stil mit vom Körper losgelösten geometrischen Elementen entsteht.

Aufschlussreich sind auch Fotografien, Bücher und Ausschnitte aus Zeitungen. Darin ist etwa Picassos Beitritt zur Kommunistischen Partei Frankreichs im Oktober 1944 - nach der Befreiung von Paris - dokumentiert. Er gehöre zur "Partei der Wiedergeburt Frankreichs", heißt es in dem Artikel. Picasso ist auch auf zum Teil berühmtem Fotos zu sehen, etwa in seinem Atelier unmittelbar nach der Befreiung von Paris.

Von Irene Dänzer-Vanotti