"Barockes Wetterleuchten" von Antwerpen bis Paderborn

s:36:"Museumsdirektor Christoph Stiegemann";
Museumsdirektor Christoph Stiegemann
Paderborner Diözesanmuseum präsentiert große Rubens-Ausstellung
Paderborn (epd)

Mit seinen Bildideen von Licht und Schatten, die er mit unzähligen Mitarbeitern in seiner Werkstatt in Antwerpen entwickelte, revolutionierte der flämische Künstler Peter Paul Rubens (1577-1640) die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts in ganz Europa. Dass sein Einfluss weit bis nach Westfalen reichte, zeigt seit Samstag die großangelegte kulturhistorische Ausstellung unter dem Titel "Peter Paul Rubens und der Barock des Nordens" im Diözesanmuseum Paderborn.

Wegen der Corona-Pandemie geht die Schau nun zwei Monate später als geplant an den Start. Für dieses "barocke Wetterleuchten von Antwerpen nach Paderborn" sind rund 150 Exponate aus 67 internationalen Museen von Kopenhagen über London bis nach San Francisco zu sehen, wie Museumsleiter Christoph Stiegemann ankündigt. "Gerade in der aktuellen Situation setzen die Leihgeber auf ein mutiges Zeichen europäischer Solidarität gegen Abschottung und Isolation", erklärt der Museumsleiter.

Die Paderborner Ausstellung eröffnet ein breites Panorama des flämischen Hochbarock und beleuchtet anhand von verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten den regen Kulturtransfer als wichtigen Motor für die Erfolgsgeschichte des Barock. Zu den sehenswerten Höhepunkten aus Malerei, Bildhauerei und Kunsthandwerk zählen dabei viele großformatige Gemälde und liturgische Prunkgefäße.

Präsentiert werden auch von Rubens eigenhändig geschaffene Ölskizzen, Zeichnungen, Kupferstiche und Entwürfe, die die enorme schöpferische Kraft des Künstlers dokumentieren. Als eines der ausdrucksstärksten und emotional facettenreichsten Objekte gilt die "Beweinung Christi", die Rubens um 1612 schuf und die heute zu den religiösen Hauptwerken des Meisters zählt. Die Besucher erwartet keine reine Vitrinenschau, sondern eine Theaterdekoration mit 3D-Animationen und Multimedia-Stationen, die Rubens' breites Wirken in vielen Kunstgenres widerspiegelt.

Für eine besondere Premiere sorgt zudem das Altargemälde aus dem Paderborner Dom über die "Anbetung der Hirten". Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gemälde wurde in mühevoller Puzzlearbeit aufwendig restauriert. 75 Jahre nach Kriegsende sei das Werk "wie Phönix aus der Asche in großen Teilen wieder auferstanden", erklärt Stiegemann, der 1983 als junger Wissenschaftler die zerfetzten Fragmente des Bildes im Keller der Dompropstei mitentdeckte.

Für den Direktor ist die Restaurierung ein persönlicher Höhepunkt: "Mit der Wiederauferstehung in der Rubens-Ausstellung fügen sich Anfang und Ende meiner Tätigkeit aufs Schönste zusammen." Im Herbst wird sich Stiegmann nach fast 40 Jahren in den Ruhestand verabschieden.

Für das Ensemble barocker Kunst im Paderborner Dom zeichnet der Antwerpener Künstler Antonius Willemssens verantwortlich, ein Maler, der im direkten Umfeld von Rubens gelernt und gearbeitet hat. Gemeinsam mit seinem Bruder Ludovicus verbrachte Willemssens sechs Jahre an der Pader und schuf unter anderem Werke für die Domkirche und die Kapelle der fürstbischöflichen Residenz in Neuhaus. "Mit ihnen gelangte die Formensprache des flämischen Barock in die geistlichen Territorien Westfalens", erklärt Stiegemann.

Durch die Neuausstattung vieler Kirchen erlebte auch die flämische Skulptur eine Blütezeit, die Rubens wesentlich beeinflusste, wie plastische Arbeiten und Reproduktionsgrafiken befreundeter Künstler veranschaulichen. Von üppiger Pracht und sinnlicher Lebensfreude führt schließlich das "Große Welttheater" vom spanischen Dichter Pedro Calderón de la Barca zu Zeit und Ewigkeit, zu Leben und Tod und damit zum letzten Akt der Ausstellung - zur Aktualität des Barock.

Zeitgenössische Künstler wie Gerhard Richter oder Tony Cragg spüren in ihren Werken den Wesenszügen des Barock nach. Wunderbar ironisch ist dabei Hans Op de Beecks Videoarbeit "Celebration", die eine feudale Festtafel ohne Gäste in die Wüste verlagert. Ein ewiger Augenblick als Sinn des Lebens? Mitdenken erwünscht! Die Schau ist bis zum 25. Oktober zu sehen.

Von Martina Schäfer (epd)