Studie: Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in Kirchen deutlich höher

EKD: Untersuchung beruht auf "sehr kleiner Zahlenbasis"
Berlin, Bonn (epd)

Das Ausmaß sexuellen Missbrauchs in beiden großen Kirchen in Deutschland ist einer neuen Studie zufolge wahrscheinlich deutlich höher als bislang angenommen. Es sei von etwa 114.000 Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester und noch einmal so vielen durch Pfarrer und Mitarbeiter in evangelischen Kirchen auszugehen, heißt es in der Untersuchung der Universität Ulm, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt. In einer ersten Reaktion bewertete ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Aussagekraft der Untersuchung zurückhaltend. Zuerst hatte die Tageszeitung "Die Welt" über die Studie berichtet.

Wissenschaftler um den Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, Jörg Fegert, rechneten 2018 eine repräsentative Umfrage auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland hoch. Dabei kamen sie auf bis zu 30 Mal so hohe Zahlen wie die Missbrauchsstudie der deutschen katholischen Bischöfe.

Ende September hatte die katholische Deutsche Bischofskonferenz ihre in Auftrag gegebene Studie über den tausendfachen Missbrauch von Minderjährigen vorgestellt. Über vier Jahre hatten Wissenschaftler Tausende Personal- und Handakten aus den Archiven der Diözesen untersuchen lassen. Danach erfassten sie zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 Opfer sexuellen Missbrauchs. 1.670 Kleriker sind der Taten beschuldigt. Schon damals schätzten Wissenschaftler die Dunkelziffer wesentlich höher.

In der Studie "Sexuelle Gewalt durch Seelsorger und in kirchlichen Institutionen" (März 2019) heißt es über die Fälle in der katholischen Kirche: "Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren kann schätzungsweise von ca. 114 Tausend Betroffenen ausgegangen werden." Schätzungen zufolge seien "zwischen 28.592 und 228.736 Personen betroffen". Die Studie soll demnächst im renommierten Londoner "Journal of Child Sexual Abuse" erscheinen.

Die Quotenstichprobe für die Studie umfasst laut den Autoren insgesamt 2.516 Personen, von denen 45,5 Prozent männlich und 54,5 Prozent weiblich sind. Das Durchschnittsalter liege bei 48,0 Jahren. Vier Personen (0,16 Prozent) gaben dabei an, in einer Einrichtung der katholischen Kirche missbraucht worden zu sein, ebenso viele in einer Einrichtung der evangelischen.

Im Vergleich mit Fällen sexuellen Missbrauchs im Freizeitbereich sei die geschätzte Zahl der Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch einen Priester in einer katholischen Einrichtung etwas höher als die geschätzte Zahl der Betroffenen sexuellen Missbrauch durch Musiklehrer (ca. 85.800 Personen) und etwas geringer als die geschätzte Anzahl der Betroffenen sexuellen Missbrauchs im sportlichen Kontext (ca. 200.000 Personen), hieß es in der Studie weiter. Im Vergleich zur geschätzten Anzahl Betroffener im schulischen Kontext (ca. 1.000.000 Personen) seien die Zahlen deutlich geringer.

Studienleiter Fegert sagte der "Welt", die Studie aus Ulm liefere erstmals einen Einblick in das Dunkelfeld, also auch der nicht angezeigten und registrierten Fälle. "Damit lässt sich nun das wahre Ausmaß des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in den Kirchen besser einschätzen."

Der EKD-Sprecher kündigte an, dass die evangelische Kirche die Studie auswerten werde. Die in den Medienberichten genannten Umfrageergebnisse, die die Grundlage für die Hochrechnung geliefert hätten, seien allerdings eine "sehr kleine Zahlenbasis".

"Die Erstellung einer unabhängigen und aussagekräftigen Dunkelfeld-Studie ist Teil des von der Synode der EKD verabschiedeten Elf-Punkte-Handlungsplans", fügte der Sprecher hinzu. Für Juni werde die EKD zu einem Experten-Fachtag einladen, um das wissenschaftliche Vorgehen abzustecken.