1.000 Kraniche für den Frieden

75 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki
Düsseldorf, Köln (epd)

Im August jähren sich die Abwürfe der US-Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki zum 75. Mal. Rund 90.000 Menschen starben auf der Stelle, weitere rund 130.000 bis zum Ende des Jahres 1945. Am 6. August um 8.16 Uhr explodierte die erste Bombe über Hiroshima, einer Stadt mit damals rund 500.000 Einwohnern.

Das Mädchen Sadako Sasaki war damals gerade zweieinhalb Jahre alt. Ihre Großmutter starb am Tag des Abwurfs, Sadako selbst, ihre Geschwister und Eltern blieben unverletzt. Das Mädchen geriet aber bei der Flucht vor der Zerstörung in den "schwarzen Regen", den atomaren Niederschlag. Am 9. August verwüstete eine zweite Atombombe mit dem Namen "Fat Man" die japanische Stadt Nagasaki.

Sadako wuchs auf, sang gerne und war die schnellste Läuferin in ihrer Schulklasse. Sie hatte Freundinnen und liebte ihre Geschwister. Neun Jahre nach dem Atombombenabwurf erkrankte das Mädchen plötzlich an Leukämie. Am 10. Januar 1955, drei Tage nach ihrem zwölften Geburtstag wurde die "Atombombenkrankheit" diagnostiziert. Sie wusste wie alle Japaner, was das bedeutete.

Auf die Frage an den Arzt, ob sie sterben müsse, hieß es, sie müsse stark sein, dann könne sie die Krankheit besiegen. Ihre beste Freundin Chizuko erzählte ihr im Krankenhaus von der alten Legende, nach der man von den Göttern einen Wunsch erfüllt bekäme, wenn man 1.000 Origami-Kraniche aus Papier faltete und daran glaubte. Sadako faltete die kleinen Papierkraniche über mehrere Monate hinweg und hob sie auf. Bei jedem einzelnen wünschte sie sich, wieder gesund zu werden.

Nach einiger Zeit wurde sie nach Hause entlassen, die Blutwerte wurden besser und sie fühlte sich weniger schwach. Doch dann, zehn Monate nach der ersten Diagnose, verschlechterte sich ihr Zustand plötzlich wieder ganz rapide und sie kam erneut in die Klinik. Die Papierkraniche zogen wieder mit ihr ins Krankenzimmer, das Bangen und Hoffen ging weiter und auch das Basteln der Kraniche, das ihr aber immer schwerer fiel.

Am 25. Oktober 1955 starb das "Kranich-Mädchen" im Krankenhaus. Auf dem Totenbett hatte sie ihren letzten selbstgefalteten Kranich in der Hand, wie sich ihr zwei Jahre älterer Bruder Masahiro später erinnerte. Mit leiser Stimme habe sie gesagt: "Ich schreibe Frieden auf deine Flügel, und du bringst ihn in die ganze Welt." Beerdigt wurde Sadako mit 1.000 Papierkranichen.

Mitschüler starteten wenige Tage später eine Spendenaktion, um mit dem Geld ein Denkmal für das Mädchen und für alle Atombombenopfer zu errichten. Seit 1958 steht im Friedenspark von Hiroshima das sieben Meter hohe Kinder-Friedens-Denkmal mit einer Statue von Sadako, die einen riesigen Kranich in die Luft hebt. Seit 1989 findet dort jährlich eine Gedenkfeier statt. Die Geschichte von Sadako ging um die Welt, und jedes Jahr kommen Millionen Kraniche aus allen Ländern der Erde am Denkmal in Hiroshima an.

Auf dem Sockel des Denkmals steht Sadakos Wunsch in Stein gemeißelt: "Dies ist unser Ruf. Dies ist unser Gebet, Frieden zu schaffen in dieser Welt." Anfang August gedenken die Menschen in Hiroshima all denen, die vor 75 Jahren direkt oder an den Folgen der Strahlenkatastrophe gestorben sind. Traditionell gehörten in den vergangenen Jahren Musik und Feuerwerk dazu, sowie ein Lampion-Lichtermeer auf dem Wasser im Friedenspark.

In den USA, dem Land, das damals den Abwurf der Atombomben über Japan veranlasst hatte, steht in Seattle im Bundesstaat Washington eine lebensgroße Bronzestatue von Sadako. Und in Köln wurde im August 2007 ein Mahnmal mit dem Titel "Atomwaffen abschaffen" im Hiroshima-Nagasaki-Park errichtet. Es zeigt einen symbolischen Origami-Kranich und erinnert an Sadako.

Für Atomwaffengegner in aller Welt gilt der gefaltete Kranich als das Symbol des Friedens, dass untrennbar mit Sadakos kurzem Leben verbunden ist. Papierkraniche können nach wie vor geschickt werden an: Peace Promotion Division - The City of Hiroshima - 1-5 Nakajima-cho Naka-ku - Hiroshima 730-0811 - Japan.

Von Andreas Rehnolt