Zwei Männlein und ein eckiger Ball
Hermann Rohde aus Hildesheim mit seinem Tipp-Kick Spiel aus dem Jahre 1924. Der 78-Jährige gehört zu den ältesten Tipp-Kickern Deutschlands.
Hermann Rohde aus Hildesheim mit seinem Tipp-Kick Spiel aus dem Jahre 1924. Der 78-Jährige gehört zu den ältesten Tipp-Kickern Deutschlands.
Das Tischfußballspiel Tipp-Kick wird 100 Jahre alt
Villingen-Schwenningen (epd)

Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland steht bereits ein wichtiges Turnier an - mit einem wesentlich kleineren Ball. Am 8. Juni trifft sich die Elite der Tipp-Kicker zur deutschen Meisterschaft in Schwenningen, die gleichzeitig ein Jubiläumsturnier ist: Vor 100 Jahren erwarb Edwin Mieg das Patent eines «Fußball-Brettspiels mit Aufstellfiguren» und brachte es auf den Markt - als Ein-Mann-Betrieb mit viel Improvisation. Zunächst vertrieb Mieg, der aus einer Pfarrersfamilie stammte, sein Spiel auf Treppenstufen zur Leipziger Spielwarenmesse, weil er sich keinen Stand in einer Halle leisten konnte.

Das neue Freizeitvergnügen fand als Spiel für die gesamte Familie und alle Generationen schnell Anklang, weil es in jedem Wohnzimmer oder Hobbykeller ohne große Vorkenntnisse mit einfachen Regeln gespielt werden konnte: Zwei Spieler bedienten per Knopfdruck am Kopf den beweglichen Fuß einer kleinen Spielfigur, die einen zwölfeckigen Miniaturball auf zwei kleine, von je einem ebenfalls beweglichen Miniaturtorwart gehütete Tore schießen konnte.

Den Durchbruch für Tipp-Kick brachte die für Deutschland überraschend erfolgreiche Fußball-Weltmeisterschaft 1954. In diesem Jahr konnte die Firma Mieg, die inzwischen eine Fabrik in Schwenningen betrieb, 180.000 Spiele absetzen. Als weiteren Glücksfall gelang es der Tipp-Kick GmbH 1967, den damals noch unbekannten Fußballer Gerd Müller für kleines Geld unter Vertrag zu nehmen und den späteren «Bomber der Nation» zur Werbung einzusetzen.

Im Lauf der Jahrzehnte blieb die Grundidee von Tipp-Kick erhalten, die Optik veränderte sich jedoch aus aktuellen Anlässen immer wieder: Mit der Einführung der Bundesliga gab es beispielsweise Figuren mit den Trikots der jeweiligen Mannschaften, zur Frauen-WM 2011 erschien eine laut Produktbeschreibung «dezent weibliche Metallspielerin, die Sportlichkeit und das Feminine vereint». Für die anstehende Fußball-Europameisterschaft wurde das «Tipp-Kick DFB Classic» entworfen.

Ohne den Rückenwind durch besondere Fußball-Highlights vertreibt das Unternehmen Tipp-Kick im Jahr durchschnittlich 30.000 Spiele und insgesamt 100.000 Spielfiguren, die häufig auch als Ergänzung gekauft werden, sagt Mathias Mieg, Enkel des Firmengründers, der zusammen mit seinem Cousin Jochen Mieg das Unternehmen leitet. Neben den Standard-Variationen des Spiels seien kleine Sonderausgaben beliebt, etwa als Werbegeschenke für Firmen. Daneben gibt es limitierte Sondereditionen, etwa zur Punkband Die Toten Hosen, deren Frontmann Campino selbst begeisterter Tipp-Kicker ist.

Die Schnelligkeit des Spiels und weil Spieler immer wieder mit neuen Situationen umgehen müssen, machen für Jens Foit aus Dortmund, Mitgliederbetreuer im Deutschen Tipp-Kick-Verband (dtkv), die Faszination und den Nervenkitzel aus. Lukas Homscheidt vom Tipp-Kick-Verein «Headbangers Balingen» nennt als Voraussetzungen für das Spiel, das eine Mischung aus Tischtennis und Billard sei, Konzentration, Geduld, eine ruhige Hand und eine gute Auge-Finger-Koordination.

Deshalb gehört Tipp-Kick auch in das Sortiment der Aktion «Spielen in der Schule», die jährlich 200 Grundschulen ausstattet. Für jedes der angebotenen Spiele, die von den Herstellern wie Tipp-Kick kostenfrei geliefert werden, gebe es ein wissenschaftliches Gutachten, erläutert Projektleiterin Sophia Bub. Tipp-Kick soll vor allem dazu beitragen, dass die Kinder ihre Feinmotorik und Konzentrationsfähigkeit verbessern und lernen, mit den eigenen Emotionen gut umzugehen.

Weit mehr als pädagogischer Nutzen oder Freizeitvergnügen ist Tipp-Kick für wettkampforientierte Spielerinnen und Spieler. Rund 400 von ihnen seien im dtkv registriert, sagt Präsidiumsvorsitzender Aimé Lungela aus Hildesheim. Früher seien es deutlich mehr gewesen, doch die Corona-Pandemie habe zu Einbrüchen geführt.

Bei den Mannschaftswettbewerben gibt es weder getrennte Ligen für Frauen und Männer noch Altersbeschränkungen. Eine Mannschaft umfasst vier Spieler oder Spielerinnen, die jeweils einzeln gegeneinander antreten. Nach den Worten des dtkv-Mitgliederbetreuer Foit kennen sich die Tipp-Kick-Spieler - allesamt Amateure - durch viele Begegnungen und sind fast eine kleine Familie, trotz Ehrgeiz und Rivalität. Foit steht selbst in der Bundesliga-Mannschaft TKC Preußen Waltrop an der Turnierplatte.

Auf Wettkampf-Niveau wird mit handgearbeiteten Männlein gespielt. Fünf Figuren, die bei einem Spiel eingesetzt werden können, sind jeweils für unterschiedliche Situationen geschaffen - für Eckbälle, für besonders scharfe Schüsse, gefühlvolle Bananenflanken, und manche hätten eine «rasierklingenscharfe Kante», um dem eckigen Ball einen besonderen Effet zu geben, erläutert dtkv-Materialexperte Bernd Weber aus Aalen, der Figuren nach individuellen Anforderungen bastelt.

Mit ihren Spezialanfertigungen werden rund 200 Spielerinnen und Spieler zu den Deutschen Meisterschaften in Schwenningen anrücken. Verbandsvorsitzender Lungela sagt, zum Jubiläumsturnier habe sich auch ein 90 Jahre alter Tipp-Kicker angemeldet.

 

Von Achim Schmid (epd)