KI-Studios für Arbeitnehmer
Besucherin im KI-Studio Stuttgart.
Eine Besucherin im KI-Studio Stuttgart.
Danach hat der Besucher mehr Fragen als vorher, doch das ist gewollt
Stuttgart (epd)

Nach München im Vorjahr hat Fraunhofer IAO im Februar 2024 auch an der Universität Stuttgart ein stationäres KI-Studio eröffnet. Wer es besucht, braucht dafür kein Informatikstudium: Das Studio ist für Arbeitnehmer gedacht, deren Arbeitsplatz sich bald durch Künstliche Intelligenz (KI) verändern könnte. Sie sollen mitreden und mitgestalten können. Erst recht gilt das für Betriebsräte, für sie gibt es spezielle Workshops. «Bei ihnen gibt es viel Gesprächsbedarf», sagt die Mitarbeiterin Doris Janssen. Bis Ende 2024 sind in den stationären Studios und mit KI-Infomobilen insgesamt 250 Veranstaltungen geplant.

Wer das KI-Studio nach vielleicht zwei Stunden wieder verlässt, hat einiges über die Möglichkeiten von KI erfahren. Auf der anderen Seite geht er wohl mit mehr Fragen nach Hause, als er gekommen ist. Das ist gewollt, denn das KI-Studio soll sensibilisieren. Der Infopunkt - Demonstrator genannt - zum Thema «KI in der Pflege» etwa zeigt, wie KI durch die Auswertung von Kamerabildern melden kann, wenn ein Pflegeheimbewohner vermutlich gestürzt ist. Der Demonstrator besteht aus einem durchsichtigen Bildschirm vor einer durchweg weißen Puppenstube, das sieht sehr ansprechend aus. Doch viel existenzieller als alles Design ist die Frage: Soll die Pflegerin Sarah nun berechtigt sein, auf Knopfdruck das Kamerabild zu sehen? Oder wäre das eine Verletzung der Privatsphäre?

Der Demonstrator zum Thema «Produktionsplanung» zeigt auf dem Bildschirm Beispiele, wie KI bei der komplexen Produktionsplanung helfen kann. Ein Mitarbeiter wird krank und die KI weiß, wer dafür einspringen könnte. Aber soll sie das selbst entscheiden, oder nur Vorschläge machen? Es könnte schließlich sein, dass der Chef einem Azubi, der diese Tätigkeit bisher nicht kennt, genau jetzt eine Chance geben will. Die nächste Frage: Wie erfährt die KI, wer wofür eingesetzt werden kann? Werden nur ganz allgemein die jeweils erlernten Fähigkeiten eingetragen, oder ist das mit einer unerwünschten Überwachung verbunden?

Der nächste Demonstrator zeigt, wie KI in der Montage bei der Qualitätskontrolle hilft. Das System prüft, ob eine Schraube korrekt angezogen wurde und gibt eine Rückmeldung. Doch wie muss eine solche Rückmeldung aussehen, damit der Nutzer sie versteht?

Mancher Demonstrator zeigt unfreiwillig auch aktuelle Grenzen von KI. Es klingt verlockend, wenn ein Schreiner eine Art «Photoshop mit Textsteuerung» vor sich hat. Mit der Eingabe «mit Armlehnen» verpasst die KI dem Stuhl auf dem Bildschirm eben solche. Beim Test klappte das mit der einen Armlehne, die andere war jedoch eine Fehlkonstruktion. Noch, denn die Technik schreitet voran.

Ein anderer Demonstrator erläutert die Arbeit von Sprachmodellen. Soll die KI im Satz «Wir sind hier im KI-Studio» das «sind» durch ein anderes Wort ersetzen, schlägt sie unter anderem «spielen» vor. Nicht schlecht, denn zum Spielen lädt das Studio ein - und das nicht nur in der Einstiegsphase der Workshops mit Noppensteinen. Bei derselben Aufgabe beim Satz «Wir sind hier im Freibad» versagte das KI-Modell kläglich. Das «sind» durch so naheliegende Worte wie schwimmen oder tauchen zu ersetzen, kam der KI - noch - nicht in den Sinn. Das Phänomen, dass die KI wohlklingend halluziniert und Blödsinn erzählt, ist in den KI-Studios ebenso gut bekannt.

Das Projekt «KI-Studios» wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. «Die KI soll menschengerecht eingesetzt werden», sagt Janssen dem Evangelischen Pressedienst (epd). «Wir berücksichtigen die Chancen und Risiken, die KI mit sich bringt, aus neutraler Sicht», ergänzt ihre Kollegin Nadine Lahn. Fraunhofer IAO will kein Produkt verkaufen, sondern zur Mitbestimmung helfen. Die aktuell sieben Demonstratoren sind nur der erste Schritt, weitere solche Infopunkte sind in Vorbereitung.

Die Besucher kämen mit großem Interesse ins KI-Studio, sagt Lahn. Sie tragen dort ihre Hoffnungen und Befürchtungen zusammen und diskutieren in kleinen Gruppen darüber. In einem geschützten Raum, ohne dass der Chef zuhört. Sie lernen spielerisch einige mögliche Einsatzgebiete und manche aktuelle Grenze von KI kennen. Lahn weiß auch, wann KI-Systeme von den Mitarbeitern am besten akzeptiert werden: «Das ist dann, wenn sie unliebsame und langweilige Aufgaben übernehmen.»

Von Peter Dietrich (epd)