Die Frühzwetschge ist ein kulinarisches Multitalent

Die Ersinger Frühzwetschge
Hier liegen keine Ostereier im Gras sondern vier prächtige Expemplare der Ersinger Frühzwetschge.
«Streuobstsorte des Jahres 2022» hat eine lange Tradition
Ersingen/Bad Schönborn (epd)

Zwetschgen sind besonders süße Früchte, dieser Tage entdeckt man die ersten auf dem Markt: die großen, blau-violetten Exemplare sind mit einiger Sicherheit «Ersinger Frühzwetschgen». Das nach dem Ortsteil Ersingen (Kämpfelbach-Ersingen) im Enzkreis benannte Obst ist «Streuobstsorte des Jahres 2022» des Landesverbands für Obstbau Garten- und Landschaft Baden-Württemberg (LOGL).

Entdeckt hat die «Ersinger Frühzwetschge» der Obstpionier Karl Wilhelm Vögele (1867-1932) vor mehr als 100 Jahren, teilte der Obst- und Gartenbauverein Ersingen dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit. Der damalige Gemeindebaumwart habe den Wert der Zwetschgensorte erkannt und sie 1896 auf einer Obstausstellung in Bühl (Baden) vorgestellt. Die Neuzüchtung überzeugte.

Aus Verbundenheit zu seinem Heimatort nannte Vögele seine Frucht «Ersinger Frühzwetschge». Heute wird sie europaweit angebaut. Auf Lehrgärten in Baden, die die «Ersinger Frühzwetschge» führen, verweist der Arbeitskreis Heimat, Natur und Umwelt (AHNU) Bad Schönborn auf seiner Homepage. Im Obst-Gen-Garten des AHNU Bad Schönborn etwa sind alle «Streuobstsorten des Jahres» seit 1998 vorhanden.

Die genaue Herkunft und Entstehung der Sorte ist historisch nicht eindeutig belegt. «Von meinem Vater und anderen alten Leuten weiß ich, dass diese Zwetschgensorte seit undenklichen Zeiten in Ersingen heimisch war, und zwar unter dem Namen 'Spanische Zwetschge'», schreibt ein Mitglied des Obst- und Gartenbauvereins Ersingen im Gemeindeblatt von 1997. Die Zwetschge sei über Zugehörigkeit zum Kloster Frauenalb nach Ersingen gekommen, heißt weiter.

Andere Quellen berichten, dass der Obstpionier Vögele Zwetschgenwildlinge unter anderem mit Edelreisern aus südeuropäischen Ländern veredelt habe. Durch weitere Züchtungsarbeit und Auslese sei die neue Zwetschgensorte entstanden, lässt Bernhard Reisch vom Landwirtschaftsamt des Enzkreises wissen.

Sicher ist: Bis heute erfreut sich die «Ersinger Frühzwetschge» europaweit großer Beliebtheit. Das frühreife Früchtchen, das schon Mitte Juli geerntet werden kann, ist ein Multitalent. Das Fruchtfleisch lässt sich leicht vom Stein lösen. Es schmeckt aromatisch und eignet sich wegen des hohen Saftanteils neben Marmelade, Kompott und Kuchenbelag auch gut für Chutneys und Destillat.

Die Züchtung der «Streuobstsorte des Jahres 2022» erfordert Geschick. Zur Fruchtbildung benötigt sie einen Pollenspender wie etwa die Bühler Frühzwetschge oder die Zwetschge Hanita. Sie gedeiht am besten auf nährstoffreichen Böden, in geschützten, sonnigen Lagen.

In Ersingen erlangte die Frühzwetschge außer kulinarischer auch kulturelle Bedeutung. «Seit 1962 wird an Fastnacht der 'Zwetschgenball' gefeiert», sagt Wolfgang Reiling vom veranstaltenden Obst- und Gartenbauverein. Das Zwetschgenthema sei früher in den Bällen noch stärker präsent gewesen als heute.

In der Faschingszeit durften die Frauen die Männer zum Tanz auffordern. Als Dankeschön bekam der Mann von den Frauen eine Dörrzwetschge überreicht. «Die Früchte wurden eigens für den Ball getrocknet und von den Frauen in speziellen Täschchen zum Ball mitgebracht», beschreibt Bernhard Reisch die Tradition.

Die «Streuobstsorte des Jahres 2022» ist in ihrem Heimatort Ersingen bis heute in vielen Hausgärten zu finden.

Von Susanne Lohse (epd)