In der Erde herrscht das pralle Leben
Waldboden mit Pilz
Grundlage des Ökosystems Wald ist sein Boden. Den wollen Wissenschaftler aus Baden-Württemberg und Bayern erhalten.
Waldboden ist «Boden des Jahres 2024»
Freiburg/Freising (epd)

Unvorstellbar, weil unsichtbar für den Menschen, leben in einer Handvoll Waldboden mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Bakterien, Pilze und Einzeller, Würmer, Milben und Insektenlarven bevölkern den «Boden des Jahres 2024». Mit geschätzten 20 Billiarden Exemplaren (Planet Wissen 2022) ist allein die Biomasse von Ameisen größer als die aller Vögel und der meisten Säugetiere weltweit.

Die mikroskopisch kleinen Lebewesen sind die unsichtbaren Herrscher der Erde und von allem, was daraus wächst. «Der Boden ist die Grundlage für den Wald», sagte der stellvertretende Leiter der Abteilung «Boden und Umwelt» bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg, Peter Hartmann, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das sind in Deutschland fast ein Drittel der Gesamtfläche. In Baden-Württemberg sind es etwa 38,4 Prozent und in Bayern 36,9 Prozent.

Die weichen Waldböden entstehen über komplexe chemisch-physikalisch-biotische Prozesse. Die Zersetzung dauert Jahrhunderte. Je nach Standort und Art der Mikroorganismen bildet sich eine ganze Bandbreite von Humusböden aus.

Das Ökosystem «Wald» erfüllt im Kreislauf der Natur wichtige Funktionen: Es ist nährstoffreich, bietet Lebensraum für Tiere, baut Schadstoffe wie Kohlenstoffdioxid ab. Seine durch Verdauung und Ausscheidung von Tieren, Insekten und Pflanzen entstandene organische Substanz fördert das Wachstum von Nahrungsmitteln. Existenziell für Mensch und Tier speichert ein intakter Waldboden Niederschläge und filtert Wasser. «Das beste Trinkwasser kommt aus bewaldeten Bereichen», betonte Hartmann.

Bedroht ist der Waldboden einerseits durch Eingriffe des Menschen: Versiegelung, Verkehr und industrielle Prozesse verändern die physikalische und chemische Qualität der Böden. Durch massiven Eintrag von Pestiziden oder Düngemitteln sowie durch Abholzung verliert der Waldboden wertvolle Bestandteile.

Die Folgen sind weniger feuchte Böden, ein Temperaturanstieg im gewöhnlich kühlen Wald, eine Veränderung der Nährstoffzusammensetzung und des pH-Wertes der Böden. Sie werden saurer. Wissenschaftler bei der «Bayrischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft» (LWF) in Freising begutachten seit den 1980er/1990er Jahren im Abstand von 15 Jahren die stofflichen Veränderungen der damals durch «sauren Regen» übersäuerten Waldböden.

Die Messergebnisse von 2008 bis 2010 geben Anlass zur Hoffnung. Dank Filteranlagen in der Industrie und schwefelreduzierten Treibstoffen erhole sich der Boden «langsam, aber er erholt sich», sagte Klaas Wellhausen, der bei der LWF die Abteilung «Boden und Klima» leitet. Problematisch sei weiterhin ein hoher Stickstoffeintrag aus Landwirtschaft und Verkehr, sagte der Experte. Die Ergebnisse des aktuellen Monitorings sollen 2026 vorliegen.

Stickstoff rege zwar das Wachstum an, erläuterte der Forstwissenschaftler. Zu viel sei jedoch «wie beim Schokolade essen ungesund». Die Pflanzen investierten dann zu viel Energie in oberirdische Biomasse statt in die Bildung von Wurzeln. Dadurch entstehe ein «Nährstoffungleichgewicht», die Artenvielfalt leide.

Die zweite Bedrohung für das Waldwachstum neben dem Menschen ist der Klimawandel. In den trockenen Jahren von 2018 bis 2021 sind in Deutschland laut dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) rund 400.000 Hektar Fichtenwald abgestorben. Peter Hartmann spricht vom «Waldsterben 2.0».

Im regenreichen Sommer 2023 konnten sich Waldböden in Süddeutschland zwar regenerieren, am Klimawandel ändert das jedoch nichts. In anderen klimatischen Gegenden forscht das Team von Wellhausen zum «Zukunftswald». Eichen, Zedern oder Esskastanien, wie sie in Wäldern Bulgariens oder dem Rhônetal zu finden sind, könnten dann eines Tages auch das Bild im Bayerischen Wald bestimmen.

 

Von Susanne Lohse (epd)