Dem Rätsel der Evolution auf der Spur
Axel Meyer
Evolutionsbiologe Axel Meyer.
Neue Art von Buntbarschen von Konstanzer Biologen entdeckt
Konstanz (epd)

Wie entstehen neue Arten? Die bisherige Vorstellung war, dass sich ihre Entstehung über viele Generationen hinwegzieht. Die Veränderungen, die zu einer neuen Art führen, seien dabei sehr langsam und stetig. Eine Forschungsgruppe um den Konstanzer Evolutionsbiologen Axel Meyer kann dieses Dogma aus der Geschichte des Lebens widerlegen: Der Professor und seine jungen Kollegen entdeckten einen neuen Typ von Buntbarsch, der sich verhältnismäßig schnell entwickelt hat, innerhalb weniger hundert Generationen. «Diese neue Art von Buntbarschen ist das erste Beispiel, das mir bekannt ist», sagte Meyer im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Meyer muss es wissen, zählt er doch zu den bekanntesten Vertretern seines Fachs und laut Zitationsindex zu den am meisten erwähnten. Wenige seiner Kollegen dürften den Buntbarsch und dessen Habitat so gut kennen wie der 62-Jährige. Meyer studierte vor allem in den USA und wurde durch seinen Doktorvater auf den Xiloà-See in Nicaragua aufmerksam. In dem kleinen Kratersee leben Buntbarsche auf relativ kleinem Raum; der See misst im Durchmesser einen Kilometer. «Solch ein begrenzter Lebensraum setzt voraus, dass die einzelnen Arten nur koexistieren können, wenn sie sich im Wettbewerb aus dem Weg gehen», analysiert Meyer.

Diese Kausalität liegt auch der Entstehung der neuen Art der Buntbarsche zugrunde. Sie entstand durch eine sogenannte homoploide Hybridisierung, bei der die Zahl der Chromosomen nicht geändert wird. Dieser Vorgang ist bei Pflanzen häufig, bei Tieren aber sehr selten, wie die Forschergruppe in ihrem Bericht für die Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications» darlegt.

Die neue Art des Fisches unterscheidet sich in einem kleinen Detail, das für die Fortbewegung freilich große Bedeutung hat. Der neue Buntbarsch weist eine Schwanzwurzel auf, die sich erheblich von jener der bisher bekannten Buntbarsche unterscheidet. Axel Meyer geht davon aus, dass die neue Art durch die erhöhte Beweglichkeit des Schwanzes besser schwimmen und vor allem stärker beschleunigen kann.

Damit eröffnen sich dem neuen Bewohner des vulkanischen Sees neue Möglichkeiten bei der Nahrungssuche. «Er ist ein guter Räuber», fasst Meyer das «Einkaufsverhalten» des neuen Seebewohners zusammen. Dieser sucht nicht mehr nach Algen, sondern kann sich von Beutetieren ernähren, die in der Nahrungskette ziemlich hoch stehen - Shrimps, Krabben und andere Fische.

Die neue Art verdrängt ihre biologischen Ahnen nicht. Vielmehr besetzt der Hybrid eine andere ökologische Nische, aus der er sich bedient. Der neue Buntbarsch geht seinen Ur-Eltern aus dem Weg - er tritt nicht in Konkurrenz mit ihnen.

Um diese Einblicke in die Entstehung von neuem Leben zu erhalten, war großer Aufwand nötig. Genomsequenzierung, Morphometrie, also die Vermessung der Körperteile, und Isotopen-Analyse waren die wichtigsten Instrumente. Immerhin mussten die Konstanzer Biologen nicht für jeden Schritt nach Nicaragua fliegen: An der Universität am Bodensee werden etwa 200 Fische dieser Gattung in Aquarien gehalten.

 

Von Uli Fricker (epd)