Zuwendung statt Pillen

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Medikamentenausgabe im Altenheim
Experte: Nutzen und Risiken von Psychopharmaka im Alter stärker abwägen
Waibstadt/Mannheim (epd)

Senioren erhalten zu häufig, zu lange und zu hoch dosiert Psychopharmaka. An der Verschreibungspraxis, die Experten seit langem kritisieren, hat sich nach Einschätzung des Mannheimer Mediziners Martin Wehling bis heute wenig geändert. "Von acht eingenommenen Medikamenten der über 85-Jährigen enthalten zwei psychoaktive Substanzen", sagt der Direktor am Institut für klinische Pharmakologie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Fixierte man Pflegeheimbewohner früher mit Bettgittern, werden sie heute mit Pillen ruhig gestellt: Antidepressiva gegen Schwermut, Sedativa bei Ängsten, Unruhe oder Halluzinationen, Opiate gegen Schmerzen.

Experten des Demenzreports der Universität Bremen 2017-2019 zufolge bekommen rund 30 Prozent der Pflegheimbewohner mit Demenz dauerhaft ein Neuroleptikum. Das Medikament dämpft das Gehirn, stellt den Patienten ruhig. Dass die psychoaktiven Substanzen unerwünschte Nebenwirkungen haben, bleibt dabei unbeachtet.

Bei jeder dritten Demenz trägt die Einnahme von Medikamenten, die Hirnfunktionen dämpfen, zur Auslösung oder Verschlimmerung bei, hat Wehling in seiner 20-jährigen geriatrischen Tätigkeit beobachtet. Im Umkehrschluss bedeutet das: diese durch Medikamente verursachten Demenzen verschwinden oder bessern sich, lässt man die Psychopharmaka weg. Was der Körper in jungen Jahren problemlos abbauen kann, sei für den älteren Organismus oftmals "Gift", so Wehling. Grund sind die abnehmenden Organfunktionen im Alter. Nicht nur Niere oder Leber leisten im Alter weniger, auch das Gehirn.

Eine Übersicht über sowohl untaugliche als auch hilfreiche Medikamente für ältere Menschen gibt die "FORTA-Liste" (Fit FOR the Aged), deren Urheber Martin Wehling ist. Auf Grundlage ausgewählter Alterskrankheiten bewertet sie Medikamente und teilt sie in vier Kategorien (A, B, C, D) ein - von "unverzichtbar" über "vorteilhaft", "fragwürdig" bis zu "vermeiden".

Die Folgen bei der Einnahme negativ bewerteter Psychopharmaka seien Verwirrtheit, Halluzinationen, Delir oder schwere, mithin tödliche Stürze. "Man muss die Latte schon sehr hoch hängen, damit die Leute davon profitieren", sagt Martin Wehling. Er rät, Risiken und Nutzen bei der Gabe von Psychopharmaka im Alter gut abzuwägen.

Dass es auch ohne medikamentöse "Fixierung" geht, zeigt ein Projekt am Johanniter-Haus im nordbadischen Waibstadt bei Sinsheim. So sei es gelungen, innerhalb von zwei Jahren die Verordnungen der Sedativa, Benzodiazepine und Neuroleptika von zu Beginn 45 Prozent auf zehn Prozent zu senken, sagt Einrichtungsleiter Kai Schramm.

Zusammen mit Ärzten und Therapeuten stellte die Einrichtung alle bestehenden medikamentösen Verordnungen der Bewohner auf den Prüfstand. Unter engmaschiger Beobachtung und Besprechung jedes einzelnen Falles wurden bestehende Psychopharmaka-Verordnungen verändert. "Bei 45 Prozent stellten sich positive Veränderungen und bei 44 Prozent keine Veränderungen ein", fasst Kai Schramm das Ergebnis zusammen. Dadurch konnten bei den meisten Heimbewohnern Psychopharmaka abgesetzt oder reduziert werden.

Begleitend verstärkte das Johanniter-Haus Waibstadt nichtmedikamentöse Angebote, wie Hand- und Fußmassagen, Aromapflege, gezielte Bewegungsangebote im Freien, Strukturierung der Tagesabläufe sowie Biographiearbeit. Die Erfahrung in Waibstadt zeigt: den Menschen geht es mit Zuwendung statt Pillen besser. "Wir sind heute noch überrascht, wie gut das funktioniert", sagt Kai Schramm, der für dieses Projekt auch in anderen Johanniter-Seniorenhäusern wirbt.

Dass gutes Zureden und psychologische Führung für ältere Menschen wichtiger sind als Chemiekeulen, betont auch Martin Wehling. Mit seiner gerontopharmakologischen Ambulanz an der Uniklinik Mannheim versucht er Ärzten bei der Reduzierung von Polypharmazie älterer Patienten zu helfen. Die Krankenkassen honorieren diese Beratungen allerdings nur spärlich. "Unser Gesundheitssystem bezahlt das Falsche", sagt Wehling: "Es bezahlt die technische und nicht die denkende und sprechende Medizin."

Von Susanne Lohse (epd)