"Zu schwer gibt es nicht"

Neue Unterstützungswege für Menschen mit Behinderung
Neue Unterstützungswege für Menschen mit Behinderung
Wie Menschen mit Behinderung von Kinästhetik profitieren
Stuttgart (epd)

Langsam, in kleinen Schritten, bringt Kinästhetik-Trainer Hans Schüller einen seiner Schüler vom Rollstuhl auf die Pflegeliege. Statt ihn schnell hochzuheben, bezieht er den Jungen mit Handicap mit ein, und kündigt jeden Bewegungsschritt an - entweder mit Worten oder gezielter, klarer Berührung. Kinästhetik, wörtlich: "die Lehre der Bewegungswahrnehmung" ist für Schüller "ein Werkzeug, das hilft, Bewegung zu verstehen und gesundheitsfördernd anzubieten."

Das Haus am Dornbuschweg, eine Einrichtung der Nikolauspflege Stuttgart, hat seit vier Jahren als erste Heimsonderschule weltweit die MH Kinaesthetics Zertifizierung. Diese belegt, dass seit Jahren alle Mitarbeitenden der Einrichtung im kinästhetischen Umgang geschult werden. Die Begründer der Kinästhetik, die US-Amerikaner Frank Hatch und Lenny Maietta (1950-2018) sagten damals bei der Zertifizierung: "Endlich ist Kinästhetik dort angekommen, wo es uns von Anfang an ein wichtiges Anliegen war", erinnert sich Schüller.

In der Pflege ist Kinästhetik weitestgehend eingebettet und erleichtert sowohl den Gepflegten als auch den Pflegefachkräften den Alltag. Krankenpflegeschulen haben das Konzept in ihre Ausbildungen größtenteils integriert. Im Umgang mit Menschen mit Behinderung wird es jedoch bisher noch kaum angewandt, sagt Schüller, der seit 2009 zertifizierter Trainer ist und in Stuttgart und Heidenheim Mitarbeiter aus diakonischen Einrichtungen für Menschen mit Mehrfachbehinderung kinästhetisch weiterbildet. Selbst in St. Petersburg hat er bei einer Partnerinstitution der Nikolauspflege bereits Schulungen durchgeführt.

Wenn Pflegekräfte klagen "der Patient ist so schwer", dann sind sie aus Sicht von Schüller selbst dafür verantwortlich, dies zu verändern. Entweder, indem sie den Patienten in der Körperaktivität unterstützen, oder - wenn möglich - ihm Impulse geben, ohne Überforderung selbst aktiv zu werden.

Kinästhetik wurde anfänglich vor allem im Gesundheitsbereich dankbar angenommen. Doch unter dem Namen "Quint" profitieren auch Berufssparten wie zum Beispiel Küche, Hauswirtschaft, Büro, und Straßenmeisterei von dem Wissen, wie sie den eigenen Körper und manchmal auch einen Gegenstand in der Schwerkraft am besten bewegen.

Derzeit begleitet Hans Schüller beispielsweise Menschen, die in der Küche oder im Zimmerservice arbeiten, Bettlaken abziehen oder Waschbecken waschen und dabei lernen, schonend mit ihren eigenen körperlichen Ressourcen umzugehen. Dabei sieht er Kinästhetik nicht als Konkurrenz zur Physiotherapie, sondern als Grundlage allen Tuns. "Früher hatte ich immer überlegt, wie ich ein Gewicht ressourcenschonend hebe. Heute versuche ich, zu vermeiden, Gewicht überhaupt zu heben."

Wie positiv Kinästhetik wirken kann, zeigt sich beispielsweise auch an der 16-jährigen Nadja. Ihre linke Körperseite ist gelähmt. Gerne sitzt sie im Klassenzimmer auf dem Boden und wurde oft aggressiv, wenn man sie vom Boden hob, um sie in den Rollstuhl zu setzen.

Doch seit sie gelernt hat, sich mit Hilfe eines Holzschemels vom Boden aufzusetzen gelangt sie selbstständig in den Rollstuhl, auf die Pflegeliege oder ins Auto. Ihr Selbstbewusstsein ist gestiegen, die Aggression zum Teil verschwunden. Mittlerweile sind die Holzschemel für Nadja und das Team nicht mehr wegzudenken.

"Für jeden Menschen ist es unglaublich wichtig, sich tätig zu erleben", so Schüller, der von Beruf Motopäde ist. Vor kurzem nahmen wieder mehrere Mitarbeiter im Haus am Dornbusch am Zertifizierungskurs für Kinästhetik teil. Das kinästhetische Wissen sorgt dafür, dass alle Lehrer ihre Schüler auf dieselbe wertschätzende Art und Weise unterstützen. "Kinästhetik ist wie eine Sprache, die uns alle verbindet."

Von Judith Kubitscheck (epd)