Wohlfahrtsverband nennt Armutsbericht "schockierend"

s:73:"Aktionen wie  "LAIB und SEELE" (Berlin) werden in Deutschland wichtiger. ";
Aktionen wie "LAIB und SEELE" (Berlin) werden in Deutschland wichtiger.
Im Südwesten sind vor allem Arbeitslose und Kinderreiche bedroht
Stuttgart (epd)

Als "schockierend" hat die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Baden-Württemberg, Ursel Wolfgramm, die Entwicklung der Armut im Südwesten bezeichnet. Zwar stehe das Bundesland besser da als alle anderen in Deutschland außer Bayern, dennoch sei die Armutsquote auf 12,3 Prozent gestiegen, sagte Wolfgramm in Stuttgart. Besonders betroffen seien laut neuem Armutsbericht im Südwesten Arbeitslose, Alleinerziehende, Rentner, wenig Qualifizierte und Migranten.

Wolfgramm kritisierte die "falsche sozialpolitische Steuerung in den vergangenen Jahren" bei Familien mit drei oder mehr Kindern. "Die Lösung des demografischen Problems geht nur über Geburten", sagte sie. Deshalb sei es ein Armutszeugnis für Baden-Württemberg, dass ausgerechnet die Kinderreichen besonders armutsgefährdet seien. Im Südwesten wachse jedes fünfte Kind in Armut auf.

Der Paritätische fordert, den Hartz IV-Regelsatz um rund 200 Euro auf 644 Euro zu erhöhen. Außerdem brauche es eine feste Kindergrundsicherung, die nicht mit anderen Leistungen verrechnet werden. Für dringend erforderlich hält der Verband einen neuen sozialen Wohnungsbau, da Baden-Württemberg Zuzugsgebiet sei und einen "enormen Mietenanstieg" verzeichne.

Unter den Regionen im Südwesten hat der Rhein-Neckar-Raum mit 15,1 Prozent die höchste Armutsquote. In der Region Hochrhein-Bodensee liegt sie mit 10,6 Prozent am niedrigsten. Wolfgramm wies darauf hin, dass auch in vergleichsweise reichen Gebieten der Anteil der Armen deutlich gestiegen sei.

Bundesweit hat die Armutsquote nach dem aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes mit 15,9 Prozent den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung erreicht. Im Vorjahr lag sie bei 15,5 Prozent. Armutsgeografisch zerfällt Deutschland dabei in zwei Teile: Im gut gestellten Süden haben Bayern und Baden-Württemberg eine gemeinsame Armutsquote von 12,1 Prozent. Der gesamte Rest der Republik komme auf eine Quote von 17,4 Prozent. Außerhalb von Bayern und Baden-Württemberg lebt durchschnittlich mehr als jeder Sechste unterhalb der Armutsgrenze.

Bei der Berechnung der Armutsquote zählt dem Bericht zufolge jede Person als einkommensarm, die mit ihren Einkünften unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Eingerechnet wird das gesamte Nettoeinkommen des Haushalts inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag oder sonstiger Zuwendungen. Die Armutsschwelle für einen Single betrug 2019 beispielsweise 1.074 Euro, für einen Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren 2.256 Euro.