Wenn Fürsorge krank macht
Tochter pflegt Mutter
Eine Frau hilft ihrer 93-jährigen Mutter: Die allermeisten Pflegebedürftigen werden von Angehörigen zu Hause versorgt. (Symbolbild)
Ärztin berät Angehörige zum «Internationalen Tag der Pflege»
Bad Wiessee/Freiburg (epd)

Fürsorge kann krank machen. Darauf macht die Fachärztin für Gerontologie, Psychiatrie und Psychotherapie an der Klinik Jägerwinkel am Tegernsee (Bayern), Katharina Grobholz, anlässlich des «Internationalen Tags der Pflege» am 12. Mai im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) aufmerksam. Die Chefärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie spricht von einem «Burn-out» pflegender Angehöriger.

In Deutschland sind laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden rund fünf Millionen Menschen pflegebedürftig. Vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, zumeist von Angehörigen. «Im Vordergrund steht in der Regel ein Erschöpfungssyndrom», beschreibt Grobholz die Symptomatik, mit der die Patienten in die Klinik kämen.

Schlafstörungen sowie körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Verspannungen oder Anzeichen einer Depression seien die häufigsten Symptomatiken, sagte die Ärztin. Viele spürten erst in der Auszeit, wie erschöpft sie sind. «Die Menschen können nicht mehr», betont sie.

Vergleichbar mit einer Überlastung im Beruf gerate der pflegende Angehörige in einen «Burn-out». Die Selbstfürsorge leide, die eigenen Bedürfnisse würden vergessen, der Pflegende gehe über seine Grenzen. «Wer pflegt, übernimmt Verantwortung. Man denkt 'ich muss'», weiß die Expertin.

Hinzu komme eine Ambivalenz, die aus der emotionalen Seite der Angehörigenpflege erwachse. Den Vater, das eigene Kind, die Großeltern zu pflegen, bedeutet, in Rollen- und unter Umständen in Beziehungskonflikte zu geraten. Gerade in diesem Punkt unterscheidet sich die Pflege durch Nahestehende von der Pflege durch professionelle Pflegekräfte.

Professionelle Pfleger haben einen anstrengenden Beruf, müssen Überstunden machen, mehrere Schichten übernehmen. Sie haben jedoch nicht die inneren Konflikte oder Schuldgefühle, unter denen pflegende Angehörige leiden. Oft wollten die Pflegebedürftigen keine professionelle Hilfe, sondern akzeptierten nur den Angehörigen für die Körperpflege oder das Kochen, berichtet Grobholz.

Ein Beispiel, wie Entlastung für Angehörige aussehen kann, ist die ambulant betreute Verhinderungspflege der Evangelischen Sozialstation Freiburg im Breisgau (Baden-Württemberg). In Freiburg-Opfingen stehen zwölf Pflegeplätze speziell zur Entlastung pflegender Angehöriger zur Verfügung. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg unterstützt Quartiersprojekte zur Kurzzeitpflege mit 750.000 Euro.

 

Von Susanne Lohse (epd)