Wenn alte Strafgefangene freikommen

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Ältere Gefangene brauchen nach ihrer Entlassung besondere Unterstützung.
Einzigartiges Projekt im Südwesten hilft Älteren nach der Entlassung
Stuttgart (epd)

In einem bundesweit einmaligen Projekt hilft das Land Baden-Württemberg seit 2018 älteren Strafgefangenen nach ihrer Entlassung. Die Erfahrungen seien sehr positiv, sagte Justizminister Guido Wolf (CDU) in Stuttgart in einer ersten Bilanz. In den vergangenen 22 Monaten habe man 80 Betreuungsfälle bearbeitet.

Generalstaatsanwalt Achim Brauneisen, Sprecher des Netzwerks Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg, sagte, keine Gruppe falle in ein "so tiefes Entlassungsloch" wie ältere Gefangene. Sie seien oft lange von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, gesellschaftliche Veränderungen wie die Digitalisierung seien an ihnen vorbeigegangen, Behörden seien ihnen fremd. Außerdem litten überdurchschnittlich viele an Krankheiten, Behinderungen, Sucht, Depressionen oder hätten noch Schulden. Sie bräuchten zum Start in die Freiheit Unterstützung.

Von den 80 im Projekt Betreuten seien 45 bereits entlassen, die Mehrheit in bedarfsgerechte Wohnungen, sagte Brauneisen. Es handele sich ausschließlich um Männer. Inzwischen seien 300.000 Euro für das Projekt ausgegeben worden, pro Fall seien das rund 3.750 Euro.

Das Netzwerk Straffälligenhilfe betreibt an den fünf Standorten Böblingen, Karlsruhe, Ludwigsburg, Offenburg und Stuttgart Koordinierungsstellen für die Betroffenen. Schon vor der Entlassung versuchen die Mitarbeiter zu klären, wo die Gefangenen künftig wohnen, welche Sozialhilfeträger für sie zuständig sind und welche Eingliederungshilfen greifen. Dieses Angebot schütze auch vor Obdachlosigkeit, betonte Netzwerk-Sprecher Brauneisen.

Finanziert wird das vom Verein "Projekt Chance" getragene Angebot über die Baden-Württemberg-Stiftung (500.000 Euro) und die Lechler-Stiftung (120.000 Euro). Ab 2021 werden Fraktionsmittel des Landtags die Kosten tragen. Justizminister Wolf sagte, mittelfristig sollte der Landeshaushalt dieses Angebot abbilden.

Der Anteil Strafgegangener über 60 Jahren ist in den vergangenen 25 Jahren von knapp zwei Prozent auf über fünf Prozent gestiegen. Ende vergangenen Jahres waren von den 5.491 Gefangenen und Sicherungsverwahrten 284 älter als 60 Jahre alt.

Sozialinspektorin Anna-Roxanne Unruhe vom Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg bei Ludwigsburg berichtete, dass viele Pflegeeinrichtungen keine Ex-Inhaftierten haben wollten. Es sei manchmal ein sehr hoher Aufwand, solche Häuser davon zu überzeugen, Klienten aus Gefängnissen aufzunehmen. Johannes Weißer von der der Koordinierungsstelle Fortis wies auf den Nutzen des Angebots hin: Bislang seien ältere Gefangene oft völlig unvorbereitet entlassen worden, nun könne man schon Wochen vor der Entlassung loslegen.

Von Marcus Mockler (epd)