Versöhnlich nach dem Völkermord
Vital
Vital Nsengiyumva im Genocide Memorial Center in Ruanda.
Wie ein Ruander von Stuttgart aus seiner Heimat hilft
Stuttgart/Kigali (epd)

Was bekommt ein vierjähriger Junge von einem Völkermord mit? Für den kleinen Vital Nsengiyumva waren die blutigen Monate 1994, als in Ruanda schätzungsweise 800.000 Menschen abgeschlachtet wurden, das Ende der Welt, wie er sie bis dahin kannte. Dennoch wirbt der inzwischen 32-jährige Familienvater für Versöhnung - auch in einem kürzlich erschienenen Buch, das seine Geschichte erzählt.

Bis heute ist es kaum nachvollziehbar, wie sich in dem kleinen zentralafrikanischen Land ein solcher Tsunami grausamster Gewalt der Hutu gegen die Tutsi entwickeln konnte. Das Radio stachelte die Bewohner des Landes damals zu noch mehr Blutvergießen an. «Wenn du eine Tutsi-Kakerlake bist, dann bist du eben eine Kakerlake. Man muss dich töten», schallte es zwischen zwei Popsongs aus den Lautsprechern.

Der kleine Vital nimmt die Veränderung wahr. Plötzlich tauchen Nachbarn auf und gehen wieder mit einer Kuh oder Ziege nach Hause. Mit den Geschenken wollen seine Eltern der Androhung von Gewalt begegnen. Die Familie Nsengiyumva gehört eher zu den Wohlhabenden. Die Gaben nutzen freilich nicht viel - eines Tages wird Vitals Vater ermordet. Die Familie weiß bis heute nicht, auf welche Weise das geschehen ist - ob erschossen oder aufgespießt -, die Leiche bekam niemand mehr zu sehen.

Für Vitals Mutter Alphonsine und ihre neun Kinder ist der Tod des Mannes nicht nur emotional ein harter Schlag, sondern auch wirtschaftlich. Es beginnen Monate mit Überlebensangst, Hunger und Heimatlosigkeit. Trotz der extrem schweren Zeit sagt Vital heute mit einem Strahlen im Gesicht: «Gott hat uns im Durcheinander nicht verlassen». Der Knabe bekommt als einziger der Familie ein Stipendium des Kinderhilfswerks «Compassion», das ihn insgesamt 17 Jahre lang fördert - bis zu seinem Bachelorabschluss. Von der Unterstützung profitieren auch seine Geschwister, weil er Essen, Seife und Schreibhefte mit nach Hause bringen darf.

Steve Volke, Autor des Buchs «Die Kraft der Versöhnung. Ruanda: Die unglaubliche Geschichte von Vital Nsengiyumva», ist Gründer des deutschen Zweigs von «Compassion». Der frühere Journalist, Publizist und Verleger hat die Biografie von Vital aber nicht zuerst aus PR-Gründen zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Ihn fasziniert, dass 28 Jahre nach der Bluttat nicht Hass in der Familie regiert, sondern Versöhnlichkeit.

Denn der Mörder von Vitals Vater lebt bis heute in der Region, wo Vitals Familie wohnt. Mutter Alphonsine gibt zu: «Ich habe mehr als einmal darüber nachgedacht, wie ich Rache üben könnte und auf welche Weise ich ihn töten würde.» Doch als Christin hat sich in ihr die Einsicht durchgesetzt, dass sie zur Versöhnung berufen ist. Das ist eine erstaunliche Erkenntnis - auch wenn man bedenkt, wie tief Kirchen und christliche Gemeinden in den Völkermord verstrickt waren, worüber Buchautor Volke offen schreibt.

 Vital lernt noch in Ruanda eine junge Frau aus dem badischen Achern kennen, die dort einen einjährigen Freiwilligendienst macht. Als er für das englischsprachige Studium der Umwelttechnik nach Stuttgart fliegt, folgt er nicht nur seinen akademischen Neigungen, sondern auch seiner Liebe. Seit 2017 sind die beiden verheiratet, getraut von Steve Volke, inzwischen Eltern von zwei Söhnen. Vital arbeitet als Projektleiter bei einer internationalen Softwarefirma.

Seine Heimat in Ruanda hat der 32-Jährige nicht vergessen. Heute will er jungen Leuten, die keine Perspektive haben, neue Lebenschancen eröffnen. In seinem Heimatdorf Magu entsteht eine Schule mit Computerarbeitsplätzen, betrieben mit Solarpanels, finanziert von Christen vor allem im Großraum Stuttgart. Im Sommer soll die Schule in Betrieb gehen. 
 

Von Marcus Mockler (epd)