Telefonseelsorge: Jüngere nutzen lieber den Chat

Telefonseelsorge
Die Zahl der Anrufe ist gesunken, dafür die Zahl der Chats gestiegen.
Stuttgart (epd)

Die Zahl der Anrufe bei den beiden Stuttgarter Telefonseelsorgestellen ist von 36.453 im Jahr 2020 auf 32.885 im Vorjahr gesunken. Dafür sei die Zahl der Chats von 1.822 auf 2.438 gestiegen, teilten die evangelische Telefonseelsorge und die katholische Telefonseelsorge «Ruf und Rat» bei ihrer Jahrespressekonferenz am Mittwoch in Stuttgart mit. Beide haben für Chats neue Kapazitäten geschaffen. Die Online-Dialoge, die im Durchschnitt etwa 45 Minuten dauern, lassen sich im Voraus buchen, manche ehrenamtliche Mitarbeiter bieten sie aber auch spontan an.

«Wenn jemand einen Chat einstellt, ist er in fünf bis zehn Minuten belegt», sagt Bernd Müller, stellvertretender Leiter von «Ruf und Rat». «Wir könnten noch viel mehr Angebote machen.»

«Der Krieg lastet schwer auf den Seelen, er ist unkalkulierbar», sagt Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge. «Junge Menschen, die für ihr Leben eine Vision brauchen, verlieren die Perspektive. Frieden, Demokratie und wirtschaftliche Sicherheit sind nicht mehr sicher gegeben.» Kinder und Jugendliche nähmen die Belastungen der Eltern und Lehrer wahr.

Lockdowns und soziale Vereinzelung hätten die Jugendlichen sehr belastet. «Sie bleiben stärker allein.» Manche litten unter dem Zwang, alle fünf Minuten nach den Nachrichten zu sehen, andere wollten sich am liebsten die Ohren zuhalten.

Wer sich an die Telefonseelsorge wende, habe oft einen «dicken Rucksack» zu tragen, sagt Gabriele Stark, Leiterin von «Ruf und Rat».

Mehr als jeder Dritte am Telefon gebe an, eine diagnostizierte psychische Erkrankung zu haben. «Für manche ist die Telefonseelsorge das letzte Netz.»