"Tatverhinderung ist der beste Opferschutz"

Krankenkassen fördern Therapie für Betroffene
Karlsruhe (epd)

Eine zweite Therapieeinrichtung zur Behandlung von Menschen mit pädophilen Fantasien hat der Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) als förderfähig anerkannt. Bei der Karlsruher Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW) stehen ab sofort 50 kostenlose Behandlungsplätze für Menschen mit einer pädophilen Sexualstörung zur Verfügung. "Eine Tat bereits im Vorfeld zu verhindern, ist der beste Schutz für die Opfer. Wo kein Täter, da kein Opfer!", erklärte Klaus Michael Böhm, Vorsitzender von BIOS-BW, vor Journalisten in Karlsruhe. Bislang hatte der GKV nur das bundesweite Berliner Charité-Projekt "Kein Täter werden" unterstützt.

Das BIOS-BW-Projekt "Stopp - bevor was passiert!" richtet sich bundesweit an Menschen, die befürchten, sie könnten einen Übergriff an Kindern begehen. "Pädophilie ist nicht heilbar, aber wir können Strategien vermitteln damit umzugehen", erklärte Sarah Allard, Therapeutische Leiterin des Projekts. Aufgenommen werden können auch Menschen, die eine Tat begangen haben, gegen die aber aktuell kein Ermittlungsverfahren läuft. "Unser Ziel ist es, die Kette zu durchbrechen. Wir wollen verhindern, dass sie rückfällig werden", erklärte Böhm. Er gehe davon aus, dass es eine große Nachfrage nach den Therapieangeboten geben wird. Studien hätten bereits gezeigt, dass solche Therapien Übergriffe verhinderten.

Die Einzeltherapie sei anonym, BIOS-BW brauche lediglich Kontaktdaten zur Vereinbarung für die Therapietermine. "Wir erhalten von den Krankenkassen eine Pauschale, so dass wir auch denen nichts melden müssen", sagte Lisa Bux, Justiziarin bei BIOS-BW. Sogenannte "Tatgeneigte" müssten sich zunächst telefonisch oder per Mail für ein Aufnahmegespräch anmelden. "Uns ist wichtig, dass sie von sich aus kommen und nicht von jemandem geschickt werden", erklärte Allard. Freiwilligkeit sei die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie.

Im Aufnahmegespräch werde geklärt, ob die Diagnose "Sexualstörung Pädophilie" zutreffe. Dies sei der Fall, wenn ein mindestens 16 Jahre alter Mensch über einen mindestens fünf Jahre Jüngeren über sechs Monate hinweg fantasiere. Zudem müsse der "Tatgeneigte" unter der Situation leiden oder es müsse ein Übergriff vorgekommen sein, um in das Projekt aufgenommen zu werden. "Wir schicken aber niemanden weg", erklärte Böhm. So könnten Menschen, die beispielsweise keine pädophilen, aber Gewaltfantasien haben, in ein anderes, kostenpflichtiges, Projekt kommen.

Die weiteren Therapiesitzungen können in Karlsruhe, aber auch an einem der anderen Standorte von BIOS-BW erfolgen. Dazu gehören Mannheim, Mosbach, Heilbronn und Freiburg. In den Therapien wird zum Beispiel analysiert, was Risiko-Situationen sind, auf welche Reize die "Tatgeneigten" reagieren und wie sie diese umgehen können. Wichtig sei auch, dass die Betroffnen online nicht mehr mit Kinderpornografie in Kontakt kommen. "Es empfiehlt sich beispielsweise, bestimmte Seiten einfach zu sperren", sagte Böhm. Je nach Ausmaß der Störung werden einzelne Sitzungen bis zu jahrelanger Begleitung angeboten.

Das Projekt wird für vier Jahre gefördert und von der Technischen Universität Chemnitz begleitend erforscht. Schätzungen gehen davon aus, dass bundesweit ein bis zwei Prozent der Bevölkerung eine pädophile Sexualstörung haben. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie sich auch an Kindern vergehen. Etwa 80 Prozent der Menschen mit einer pädophilen Sexualstörung sind männlich. BIOS-BW setzt sich seit 2005 in Baden-Württemberg für die Verhinderung von Straftaten ein. Der Verein ist ein Zusammenschluss von Richtern, Psychologen, Sozialarbeitern, Rechtsanwälten, Wissenschaftlern und Journalisten.