"Menschenhandel floriert da, wo Menschen sehr arm sind"

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Prostitutierte sind häufig Opfer von Menschenhändlern.
Drei Fragen an: Sozialarbeiterin Huschka über Zwangsprostitution
Kehl/Freiburg (epd)

Das Bundeskriminalamt hat für 2017 bundesweit 489 Fälle von Menschenhandel verzeichnet. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach mit der Sozialarbeiterin Beate Huschka von der Freiburger Fachberatungsstelle "FreiJa: aktiv gegen Menschenhandel" darüber, wie Politik und Freier gegen Zwangsprostitution vorgehen.

epd: Was könnte die Politik verbessern?

Huschka: Es gibt in Baden-Württemberg derzeit drei vom Land geförderte anerkannte Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel: das Stuttgarter Fraueninformationszentrum FIZ, die Heilbronner Mitternachtsmission und FreiJa in Kehl und Freiburg. Die Beratungszahlen der Fachberatungsstellen haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdreifacht. Das FIZ und FreiJa müssen seit Juli 2018 immer wieder Anfragen von neuen Klientinnen ablehnen, da die Beratungskapazität nicht mehr ausreicht. Auch die Mitternachtsmission arbeit am Limit. Dies stellt eine dramatische Entwicklung dar. Es darf nicht sein, dass Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Baden-Württemberg keine Hilfe erhalten.

Frauen, die in von unseren Standorten weit entfernten Regionen leben, können von uns nur marginal begleitet werden. Hier entstehen ein enormer hoher personeller Aufwand aufgrund der langen Fahrtzeiten und ein zusätzlicher Kostenaufwand an Fahrtkosten. Dafür benötigen die Fachberatungsstellen zusätzliche finanzielle Mittel. Zudem müssen die Rechte der Opfer gestärkt werden. So ist derzeit der Aufenthaltstitel von Opfer aus Nicht-EU-Ländern an ihre Bereitschaft gekoppelt an einem Prozess mitzuwirken. Bevor sich die Opfer aber den Tätern stellen können, ist oftmals eine therapeutische Unterstützung notwendig. Dies kann nur geleistet werden, wenn die Opfer einen Aufenthaltsstatus erhalten. Die mangelnde Bereitschaft zu einer Aussage bei der Polizei begründet sich oftmals in Angst vor Repressalien.

epd: Und im Ausland?

Huschka: Wir sehen, dass der Menschenhandel immer da floriert, wo Menschen sehr arm sind und eine Perspektive suchen. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation würde das Risiko, Opfer von Menschenhändlern zu werden, verringern. Es wäre daher hilfreich, wenn die Bundesregierung Wirtschaftsabkommen mit anderen Ländern stärker an soziale Standards bindet. Zusätzlich bedarf es in den Ländern der EU verstärkt Bildungs- und Präventionsprogramme. Je mehr die Menschen darüber wissen, welche Gefahren im Ausland "lauern", desto besser sind sie geschützt.

epd: Prostitution findet überwiegend "im Dunkeln" statt. Am ehesten haben noch die Freier Einblick in das Milieu. Könnte es helfen, sie stärker für das Problem zu sensibilisieren?

Huschka: Freier, die wissentlich sexuelle Dienstleistungen von Opfern von Menschenhandel in Anspruch nehmen und damit deren hilflose Lage ausnutzen, müssen bestraft werden. Einer generellen Freierbestrafung stehen wir aber kritisch gegenüber. Freier können auch eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von Menschenhandel spielen. Würde ihnen selbst die Strafverfolgung drohen, würde sie dies von einer Kooperation mit den Behörden abhalten. Daher halten wir Freierkampagnen für ein sinnvolles Instrument. Vereinzelt sind bei uns auch schon Anrufe eingegangen, von Männern, denen in einem Bordell "etwas komisch" vorkam. Vor allem wenn die Männer sich verlieben, kann es sein, dass sie die Bedingungen, unter denen die Frau arbeitet, hinterfragen. Generell gehen die Männer aber zu Prostituierten, um sich zu vergnügen. Die wollen dort keine Probleme aufdecken. Insgesamt sollte die Prostitution weiter aus der Schmuggelecke herausgeholt werden, so dass stärker sichtbar ist, was passiert.

epd-Gespräch: Leonie Mielke