Junge Menschen äußern Suizidgedanken

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In der Pandemie gefragt: die Telefonseelsorge
Seelsorgebedarf steigt in Corona-Zeit
Stuttgart (epd).

Fast jeder dritte Hilfesuchende hat in der Chatberatung bei den beiden Stuttgarter Telefonseelsorge-Stellen im vergangenen Jahr Suizidgedanken geäußert. Damit habe sich die Zahl gegenüber 2019 verdoppelt und zeige, dass junge Menschen im Corona-Jahr 2020 besonders gelitten haben, sagte Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart, bei der Online-Jahrespressekonferenz. Zum Vergleich: Bei der meist deutlich älteren Gruppe der hilfesuchenden Menschen am Telefon sprachen nur 2,7 Prozent von Suizidgedanken.

Insgesamt hat 2020 die Online-Beratung bei den Stuttgarter Telefonseelsorge-Stellen stark zugenommen. Gab es 2019 noch 2.931 Beratungen per Chat oder Mail, lag die Zahl 2020 schon bei 3.730. Fast Dreiviertel der jungen Menschen, die sich per Chat beraten ließen, waren Frauen. Fast die Hälfte der Ratsuchenden des vergangenen Jahres waren 20 bis 29 Jahre alt, 18 Prozent waren zwischen 10 bis 19 Jahren.

„Sie können nicht losfliegen“

Laut Rudolph-Zeller sind jüngere Menschen in einer besonders vulnerablen Lebensphase, in der ihre gesamte Perspektive auf die Zukunft ausgerichtet ist. Doch Praktika, Auslandsreisen, und selbst das Treffen mit Freunden sei in der Pandemie erschwert, wodurch die jungen Menschen auf das Elternhaus und ihre Kinderrolle zurückgeworfen werden .„Sie breiten ihre Flügel aus - und können im Moment nicht losfliegen.“

Außerdem passiere, es, dass manche der jungen Menschen übersehen werden, weil Lehrer nicht nachfragen und Eltern selbst überfordert seien und keine Energie hätten, sich um ihrer Kinder zu kümmern. Lustlosigkeit, Depressionen, Ängste, Zwänge und selbst schädigendes Verhalten sowie suizidalen Gedanken würden deshalb gehäuft auftreten.

Mehr als 36.000 Anrufe

Die Stuttgarter Telefonseelsorge-Stellen hatten 2020 mehr als 36.000 Anrufe, darunter 29.112 tatsächlich geführte Seelsorge- bzw. Beratungsgespräche. Gabriele Stark, Leiterin der katholischen Stelle „Ruf und Rat“, sagte, Hauptgesprächsthemen bei der Telefonseelsorge seien 2020 neben Ängsten, Einsamkeit, Erkrankungen und Depressionen auch die Probleme gewesen, die durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie entstanden.

Besonders zwei Personengruppen seien davon betroffen: Menschen aus unsicheren Arbeitsverhältnissen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, und andere, die durch die Belastung von Beruf und verstärkter Betreuung der Kinder in Stress seien. Die bereits über Monate anhaltende Krise sorge dafür, dass das System Familie kippe, in beengten Wohnverhältnissen fehle oft der Rückzugsraum - aus Depression werde häufig Aggression. Auch von häuslicher Gewalt hörten die Mitarbeiter der Seelsorgestellen 2020 häufiger. In Stuttgart bietet die evangelische „TelefonSeelsorge Stuttgart“ und die katholische Stelle „Ruf und Rat“ Seelsorge am Telefon sowie im Internet an.