Brötchen auf dem Silbertablett statt im Müll

s:83:"Maike Lambarth hat das Foodsharing-Cafe "Raupe Immersatt" mit Freunden gegründet. ";
Maike Lambarth hat das Foodsharing-Cafe "Raupe Immersatt" mit Freunden gegründet.
Stuttgart (epd)

Auf den ersten Blick scheint es ein normales Szenecafé im Stuttgarter Westen zu sein: Menschen sitzen auf bunt zusammengewürfelten Stühlen vor dem Eingang der "Raupe Immersatt" am Hölderlinplatz, unterhalten sich, genießen das schöne Wetter. Doch das Konzept ist nach eigenen Angaben deutschlandweit einmalig: Die "Raupe Immersatt" ist ein "Foodsharing-Café". Gegessen wird hier, was eigentlich für die Mülltonne bestimmt war. Bezahlt werden muss nur für die Getränke - und jeder kann den Preis selbst bestimmen.

In zwei Kühlschränken, den sogenannten "Fairteilern", finden sich auf Tellern und in Glasschüsseln Gurken, Radicchio-Salat, Champignons und ein paar zu klein geratene Pflaumen. In den Regalen liegen auf Silbertabletts Brötchen, daneben steht eine einzelne Packung Babypulvermilch. Jeder Gast kann sich bedienen. Alle diese Nahrungsmittel wurden von ehrenamtlichen "Foodsavern", also Lebensmittelrettern, in das Café gebracht. Sie haben sie aus Betrieben, Bäckereien oder Supermärkten abgeholt, wo sie nicht mehr verkauft werden konnten, erklärt Maike Lambarth.

Sie hat das Café gemeinsam mit vier Freunden vor einem Jahr gegründet. "Es gibt viel überschüssige Ware durch Lagerfehler oder Saisonware wie Schokoriegel mit Weihnachtsmotiven, die nach dem Fest rausfliegen", erklärt sie. Ein Großteil sind Lebensmittel mit einem überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Doch dieses Datum sei meist kein Verfalldatum, sagt Lambarth. In vielen Fällen ist der Inhalt noch genießbar. Händler nähmen die Waren aber aus Haftungsgründen aus dem Verkauf.

In der "Raupe Immersatt" überprüfe geschultes Personal, was auch noch nach Ablauf der Mindesthaltbarkeit verzehrt werden kann. Hygienisch heikle Artikel wie Fleischprodukte würden grundsätzlich nicht weitergegeben. Der Wunsch war, mit dem Café Lösungen gegen Lebensmittelverschwendung zu finden und zu zeigen, wie etwas verändert werden könne, sagt Lambarth.

Eine Frau nimmt sich aus dem Kühlschrank eine Gurke und eine Handvoll Champignons und verstaut sie in ihrer Handtasche. Auf Instagram habe sie gesehen, dass es gerade frisches Gemüse gibt, erklärt sie. "Nach der Arbeit war ich hier mit meinen Freundinnen etwas trinken. Jetzt kann ich sogar noch etwas mit nach Hause nehmen und dabei nachhaltig sein". Ein Mann mittleren Alters schlendert zu den Brötchen, nimmt sich eines und verlässt wieder wie selbstverständlich das Café - so als habe er sich im Schrank in seiner eigenen Küche bedient.

Hauptsächlich drei Gruppen besuchten das Café, erzählt Lambarth: Menschen aus dem Quartier, Alternative, die extra anreisten, und Leute, die aus finanziellen Gründen sonst nicht an der Gesellschaft teilhaben könnten: "Wir bringen also Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen."

Laut einer Studie, die das Johann Heinrich von Thünen-Institut TI im Auftrag des Bundesernährungsministeriums zusammen mit der Universität Stuttgart erstellte, landen in Deutschland rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr im Müll. Die Hälfte (52 Prozent) der Lebensmittelabfälle entsteht in privaten Haushalten, umgerechnet etwa 75 Kilogramm pro Person und Jahr.

Eine Besucherin, die sich als Miriam vorstellt, berichtet, dass sie dem Café bereits eimerweise Kirschen aus ihrem Garten gespendet habe, die sonst am Baum hängengeblieben wären. "Nur mit der Bezahlung hatte ich anfangs so meine Probleme", erinnert sie sich mit einem Schmunzeln.

Denn in der "Raupe Immersatt" gibt es ein offenes Preismodell für die Getränke, damit niemand ausgeschlossen wird. "Und, wie viel bezahlst du?" fragt Maike Lambarth deshalb ihre Gäste. Ein sichtlich irritierter Mann legt nach einer längeren Bedenkzeit drei Euro für sein Bier auf den Tresen.

Das Café lebt vom Verkauf der Getränke und kann mit den Einnahmen die Angestellten im Team bezahlen. "Viele waren skeptisch wegen unseres Solidarmodells", sagt Lambarth, aber der Geschäftsplan für das erste Jahr sei aufgegangen. "Im Schnitt zahlen die Leute genau so viel für ihre Getränke wie woanders."

An der Bar bereitet Maximilian Kraft gerade einen "Birne-Rosemarie-Spritz" zu - ein Getränk, das er selbst kreiert hat. Kraft ist für die Finanzen und das Personal zuständig und ebenfalls ein Mitbegründer der "Raupe". Etwa einmal die Woche gebe es eine "Schnippeldisko", bei der zu Musik gemeinsam "gerettetes" Essen gekocht wird, erzählt er. Dass er mit dem Café dazu beitragen könne, dass ein neues Verhältnis zu den Lebensmitteln entstehe, sei für ihn sehr sinnstiftend. "Das motiviert mich tagtäglich."

Und nun der Selbstversuch: Im Kühlschrank der "Raupe" liegt auf einem Teller ein belegtes Brot, das von Foodsavern von der Cafeteria eines Stuttgarter Kaufhauses abgeholt wurde. Die Salatblätter des Vollkornbrotes sind im Laufe des Tages etwas schlaff geworden, aber das Brot mit Paprika, Salami und Frischkäse schmeckt noch tadellos. Definitiv zu lecker zum Wegwerfen. Dazu könnte jetzt ein "Birne-Rosemarie-Spritz" perfekt passen.

Von Judith Kubitscheck (epd)