Beratung zu Thema Beschneidung «extrem hoch»
Vera Sompon
Vera Sompon ist Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Sompon Socialservices.
Göppingen (epd)

Die Landeskoordinierungsstelle für Frauen und Mädchen, die von Genitalverstümmelung beziehungsweise Beschneidung betroffen oder bedroht sind (FGM/C), hat seit ihrem Bestehen nach eigenen Angaben eine extrem hohe Nachfrage. «Seit Januar 2023 wurden etwa 400 Frauen und Mädchen beraten und begleitet», sagte Vera Sompon, Geschäftsführerin von Sompon Socialservices Baden-Württemberg e.V.(Göppingen) dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich des Internationalen Tags gegen Weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar. Zudem seien etwa 1.800 Fachkräfte durch Vorträge und Seminare für das Thema sensibilisiert worden.

Die «Landeskoordinierungsstelle FGM/C Baden-Württemberg» ist ein Modellprojekt, das vom Verein Sompon Socialservices koordiniert und mit rund 250.000 Euro vom baden-württembergischen Sozialministerium zunächst bis Ende 2024 gefördert wird. Der Verein kooperiert mit dem Zentrum für Frauen mit Genitalbeschneidung in der Universitätsfrauenklinik Freiburg und mit Stuttgarter Einrichtungen wie dem Fraueninformationszentrum (FiZ), der Beratungsstelle der Evangelischen Gesellschaft für junge Migrantinnen, Yasemin, sowie dem Verein Wildwasser. Die Praxis, bei der Teile des weiblichen Genitals entfernt oder verletzt werden, wird in der englischen Fachsprache als FGM/C bezeichnet (Female Genital Mutilation/Cutting) bezeichnet.

Um FGM/C in Baden-Württemberg zu bekämpfen, braucht es laut Sozialarbeiterin Sompon noch mehr kulturelle Sensibilität, Aufklärung, aber auch Information. «Wir wissen zum Beispiel, dass etwa 90 Prozent der somalischen Frauen beschnitten sind. Da wäre es sinnvoll, bei Kinderärzten, Hebammen oder Rechtsanwälten eine Sprach- und Kulturmittlerin aus der somalischen Community hinzuzuziehen, um die Frauen besser zu erreichen.» Auf der anderen Seite sollten sich Jugendämter und andere Organisationen und Personen nicht scheuen, das Thema direkt anzusprechen, vor allem, wenn es um Kindeswohlgefährdung gehe und die Möglichkeit bestehe, dass ein Mädchen beschnitten wird oder wurde. «FGM/C ist eine Menschenrechtsverletzung und in Deutschland eine Straftat, das darf nicht vergessen werden.»

Generell sei aber ein respektvoller Umgang mit dem Thema wichtig, um Präventionsarbeit zu leisten und damit die Community aufgeklärt wird, «wie schädlich diese Praktiken für Frauen und Mädchen sind.» Bislang habe es drei Trainings für Community Workers gegeben, die das Thema FGM/C in ihre Communites weitertragen. Darunter seien auch christliche Pastoren gewesen. «Sie haben einen großen Einfluss auf ihre Gemeinden und können das Thema bei Frauen oder in Seelsorgegesprächen ansprechen und dafür werben, die Aufklärungsangebote zu nutzen.» Sompon will auch versuchen, Imame zu erreichen und sie für eine Kampagne als Stimme gegen FGM/C zu gewinnen.

Vera Sompon wurde vor etwa 14 Jahren auf dieses Thema aufmerksam, als sie eine durch Genitalverstümmelung schwer behinderte Frau traf. Ihre Bachelorarbeit, in der sie viele Betroffene interviewte, öffnete ihr die Augen für die Schädlichkeit dieser Praxis. «Dass ich mich heute in ganz Baden-Württemberg gegen FGM/C einsetzen kann, hätte ich damals nicht zu träumen gewagt», so Sompon.

Weibliche Genitalverstümmelung wird in mindestens 30 Ländern praktiziert. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind heute weltweit 200 Millionen Mädchen und Frauen betroffen. Drei Millionen sind jedes Jahr akut bedroht.

Nach Schätzungen der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes sind in Baden-Württemberg mehr als 10.000 Frauen und Mädchen potenziell von Genitalverstümmelungen betroffen. Im Minimalszenario sind 171 Mädchen gefährdet, im Maximalszenario 1.542 Mädchen. Deutschlandweit sind - Stand September 2022 - dieser Schätzung zufolge mehr als 100.000 Frauen und Mädchen von den Beschneidungen betroffen. In Deutschland ist Genitalverstümmelung seit 2013 ein Straftatbestand und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden

Von Judith Kubitscheck (epd)