"Aus dem monströsen Täter wurde ein Junge"

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Die Winnender Albertville-Realschule zehn Jahre nach dem Amoklauf.
Mutter einer getöteten Referendarin hat dem Winnender Amokläufer verziehen
Winnenden (epd)

Sie wollte verstehen, warum der 17-jährige Tim K. bei einem Amoklauf in Winnenden ihre Tochter, eine angehende Lehrerin, erschoss. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt Gisela Mayer, Vorsitzende der Stiftung gegen Gewalt an Schulen, wie aus Verstehen auch Verzeihen wurde.

epd: Frau Mayer, am 11. März 2009 starb ihre 24-jährige Tochter Nina in der Albertville-Realschule. Zehn Jahre nach der Tat sprechen Sie in dem neu erschienenen Buch "Vergebung" (Herder-Verlag) von Andreas Unger über ihren Weg der Trauer. Schauen wir zurück: Wie erlebten Sie die ersten Tage und Wochen nach der Tat?

Gisela Mayer: Zuerst schien mir die Tat wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe. Es dauerte lange, bis ich mir eingestehen konnte, dass es kein Schicksalsschlag war, dass meine Tochter nicht mehr lebt, sondern die Entscheidung eines Menschen. Die Tatsache, dass meine Tochter durch Mord ums Leben kam, ist sehr viel schwerer zu ertragen als ein Unfall- oder Krankheitstod. Ich habe den Vergleich, weil ich viele Jahre zuvor auch einen Unfalltod in meiner nächsten Familie zu verkraften hatte.

epd: Wie ging es Ihnen, als Sie den Gedanken zuließen, dass die Tat eine "Menschenkatastrophe" war, wie Sie es nennen?

Mayer: Zunächst war da die unglaubliche Wut auf diesen Menschen - und dann fing ich an, mich zu fragen, wie dieser Wahnsinn geschehen konnte, dass ein Junge zum Mörder wird und seinesgleichen erschießt. Ein ganz normaler Junge, der in einer Familie aufwuchs und in die Schule ging, wie jeder andere auch.

Ich habe die Armseligkeit und den Mangel des Täters gespürt, der die anderen wegen ihres Glückes hasste. Weil sie so leben konnten, wie er selbst es nicht konnte. Er hat gar nicht erfahren, was Leben bedeutet, und auch nicht erkannt, was er vernichtet. Warum war er voller Hass, was ist schiefgegangen? Als ich mich das fragte und nach seinen Beweggründen suchte, wurde für mich aus dem monströsen Täter ein im Grunde armseliger, hasserfüllter Junge.

epd: Hatten Sie auf Ihrer Suche auch Kontakt zu den Eltern?

Mayer: Nein, das ist mir leider nicht gelungen. Gerne hätte ich mir ein Bild davon gemacht, wie der spätere Mörder so vieler junger Menschen aufgewachsen ist. Da muss irgendetwas geschehen sein, dass sich dieser Junge so entwickelt hat. Der Gerichtsprozess war die einzige Gelegenheit, an der ich den Vater des Jungen gesehen habe. Er wirkte völlig emotionslos.

epd: Sie sprechen von dem Mangel, den sie bei Tim K. gespürt haben - half dieser Blick auf den Amokläufer Ihnen auch, Mitgefühl für ihn zu entwickeln?

Mayer: Es war eher ein Verstehen. Es war ein Prozess, der in mir stattgefunden hat, ich habe diese unglaubliche Leere in ihm gesehen, die so groß war, dass sie dazu geführt hat, Hass auf die Fülle des Lebens anderer zu entwickeln und ihr Leben zu zerstören. Das muss furchtbar sein, wenn man vor lauter Hass ausgeschlossen ist von jeder guten Empfindung! Dieser Prozess des Verstehens und Bedauerns hat nichts mit der Schuldfrage zu tun, auch nicht damit, ob Lehrer oder Psychiater etwas hätten merken müssen. Ich entschuldige damit auch den Täter nicht. Seine Tat und die Schuld bleibt. Aber heute kann ich sagen, dass ich vieles verstehe. Man nennt das Verzeihen. Ich selbst scheue davor zurück, einen so anspruchsvollen Begriff zu verwenden.

epd: Wirklich? Können Sie das tatsächlich, diesem Menschen verzeihen?

Mayer: Ich habe mir zu keinem Zeitpunkt vorgenommen, ihm zu verzeihen oder zu vergeben. Doch heute empfinde ich keinen Hass mehr ihm gegenüber. Das befreit mich, dass ich nicht durch Hass an einen Menschen gebunden bin, den ich nicht einmal kenne, der mich aber fesselt und der auch mein Leben komplett verändert hat. Zuerst fühlte ich nur Entsetzen und eine große, überwältigende Wut. Dann, als ich ihn versuchte zu verstehen, habe ich andere Gefühle entwickelt: Der Täter wurde ein eigentlich bedauernswerter Junge, keineswegs der große Rächer, der er selbst gerne sein wollte.

epd: Was sagen die Eltern, die ebenfalls ein Kind bei der Tat verloren haben, dazu, dass Sie so über Tim K. denken?

Mayer: Das sorgt eher für Unverständnis. Oft höre ich: "So etwas kann man doch nicht verzeihen - das war doch deine Tochter." Aber mein Schmerz wird dadurch, dass ich den Täter hasse oder dieser leidet, nicht kleiner. Das eine ist nicht mit dem anderen verknüpft. Das ist das Fatale am Gedanken der Rache. Viele Menschen denken, wenn ich mich am Täter räche, ist der Verlust besser zu ertragen. Die Trauer um meine Tochter und dass sie nicht leben durfte, ist völlig unabhängig von dem Täter.

epd: Wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus? Kann ihre Familie nachvollziehen, dass Sie diese Haltung zum Mörder ihrer Tochter haben?

Mayer: Ja meine Familie versteht das, weil sie mich kennt und weiß, wie ich das meine. Und sie gehen diesen Weg auch mit - ganz besonders mein Mann. Das Verzeihen ist mir passiert. Es war nicht meine Absicht, es war nicht mein Können, es war eigentlich (überlegt) - es war eher Gnade.

epd: Gnade - das klingt nach christlichem Glauben. Motivierte Sie auch ihr Glaube, über Vergebung nachzudenken?

Mayer: Ja, komischerweise hatte ich in meiner Trauer nie eine Phase, in der ich an Gott gezweifelt hätte. Ich habe nie die Schuld bei ihm gesucht und gefragt: "Warum konntest Du das zulassen?" Nach dieser ersten Phase der Erstarrung sah ich es immer als meine Aufgabe, zu begreifen, was da passiert ist. Ich bin gefordert. Mein Glaube hat mir in allem Halt gegeben.

epd: Bald naht der 11. März - und damit jährt sich der Todestag Ihrer Tochter zum zehnten Mal. Bricht da wieder alles in Ihnen auf?

Mayer: Da bricht nichts auf, weil ja nie irgendetwas zu, geschlossen oder verheilt war. Zehn Jahre sind aus Trauerperspektive eine kurze Zeitspanne. Natürlich habe ich Respekt vor dem Tag. Es ist für mich eine Herausforderung, an diesem Tag in der Öffentlichkeit zu sein. Neben allem, was an Schönem getan wird, um der Opfer zu gedenken, wird es auch die ganz stillen Momente geben, in denen ich mit meiner Tochter alleine bin. Das sind Augenblicke, die guttun. Ich brauche dann einfach nur Ruhe.

epd-Gespräch: Judith Kubitscheck