"Sprecht nicht über sie, sprecht mit ihnen"

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Protest gegen Genitalverstümmelung
Aktivistin wünscht sich mehr Einsatz gegen weibliche Genitalverstümmelung
Stuttgart/Addis Abeba (epd)

"So kann es nicht weitergehen", sagt Samira Messner mit entschlossenem Blick. Obwohl die 32-Jährige bereits auf gepackten Koffern sitzt und ein Flugzeug sie und ihre beiden Töchter in wenigen Stunden in ihre Heimat nach Äthiopien bringen wird, hat sie noch eine dringende Botschaft, die sie loswerden will: "In Baden-Württemberg muss noch viel mehr gegen weibliche Genitalverstümmelung unternommen werden." Wie sie darauf kommt? "Am besten erzähle ich meine Geschichte", entgegnet sie mit leiser Stimme.

Bei ihrer Ankunft in Deutschland vor fünf Jahren merkte die Betroffene sehr schnell, dass die Ärzte sich hier meist noch nie mit weiblicher Genitalverstümmelung - auf Englisch: "Female Genital Mutilation" (FGM) - beschäftigt hatten. "Als ich zum ersten Mal in Deutschland zu einer Gynäkologin ging, hatte diese keinerlei Ahnung von FGM. Ich war sehr schüchtern, weil das ein sehr persönliches Thema ist", sagt Messner. Doch dann habe sie all ihren Mut zusammengenommen und ihre Lage erklärt. "Daraufhin informierte sich die Ärztin über das Thema und war sehr freundlich und sensibel", erzählt Messner.

Schwierig wurde es für sie, als sie kurz vor der Geburt ihrer Tochter stand und merkte, dass auch im Krankenhaus niemand auf eine Frau mit FGM vorbereitet war. "Ich musste meine Frauenärztin anrufen, die sich dann am Telefon für mich einsetzte und erklärte, dass mein Fall anders ist und ich eine spezielle Behandlung brauche." Bei manchen Formen der Genitalverstümmelung müsse man bereits vor einer Schwangerschaft in einer Operation eine Art Öffnung vornehmen.

Seit mittlerweile zwölf Jahren kämpft die Expertin gegen FGM - zuerst in ihrem Heimatland Äthiopien, dann in Deutschland. Sie hat ihre Bachelorarbeit über dieses Thema geschrieben und war Mitglied des Runden Tisches von Gesundheitsamt und Sozialamt in Stuttgart.

Wenn sie nun nach Äthiopien zurückkehrt, um das "Temsalet Kitchen", ein soziales Café in Addis Abeba, zu leiten, wird es in Baden-Württemberg keine Betroffene mehr geben, die sich für die Belange dieser Frauen einsetzt - eine traurige Vorstellung für Messner. "Wer spricht dann für die Betroffenen?" Die Frauen selbst seien die Expertinnen in diesem Thema. "Sprecht nicht über sie, sondern mit ihnen, löst nicht ihre Probleme, löst sie mit ihnen."

Die Frauen brauchen noch mehr medizinische Beratung, fordert Messner. Denn in Stuttgart zum Beispiel gebe es nur einen einzigen Arzt, der auf weibliche Genitalverstümmelung spezialisiert sei, sagt Messner. Dieser mache zwar eine sehr gute Arbeit, habe aber wenig Zeit für eine zusätzliche kultursensible Beratung. "Viele der betroffenen Frauen sind in der Zeit der Schwangerschaft voller Angst, weil sie nicht wissen, ob bei der Geburt ihres Kindes sich die Ärzte mit ihrer Situation auskennen." Hinzukomme, dass dieses Thema oft ein Tabuthema sogar unter den eigenen Landsleuten sei. "Wenn wir keinen Zugang zu den Frauen haben, schützen wir auch die Mädchen nicht, die dann beim nächsten Besuch im Heimatland dasselbe wie ihre Mutter erfahren."

Allein in Baden-Württemberg wird laut der Dunkelzifferstatistik von Terres des Femmes aus dem Jahr 2020 insgesamt von über 8.000 betroffenen Frauen ausgegangen. Daher müsse, wie es derzeit auch schon im Gespräch sei, möglichst bald eine hauptamtliche Person von Staatsseite sich des Themas annehmen, fordert Messner. Der Runde Tisch von Gesundheitsamt und Sozialamt, der sich 2019 gegründet habe, sei ein erstes gutes Signal, stehe aber erst am Anfang seiner Arbeit. Glücklicherweise nähmen sich immer mehr zivilgesellschaftliche Organisationen, in Stuttgart beispielsweise die eva, pro familia, das Fraueninformationszentrum (FIZ) und die Beratungsstelle Wildwasser vermehrt des Themas an - aber vielleicht finden sich doch noch betroffene Frauen, die wie sie in Zukunft als hauptberuflich Angestellte deren Arbeit bereichern können, hofft Messner.

Mit ihrer eigenen Geschichte ist Samira Messner inzwischen versöhnt: Sie stammt aus der somalischen Region in Äthiopien. Auch in ihrer Familie herrschte bei diesem Thema wie so oft Schweigen. Obwohl ihr Vater damals dagegen war, setzte sich ihre Mutter für ihre Beschneidung ein. Mit 20 Jahren begann sie, das Schweigen zu brechen und kämpfte fortan in ihrer Heimatregion mehrere Jahre gegen weibliche Genitalverstümmelung. Sie versuchte einflussreiche Menschen wie ältere Frauen und Imame für ihr Anliegen zu gewinnen. Eine Fotoausstellung mit Bildern, bei denen das Leid von Frauen durch FGM gezeigt wird, wurde mehrere Tage in den äthiopischen Medien diskutiert.

Inzwischen versteht sie, warum ihre Mutter die Genitalverstümmelung an ihr damals zuließ: "Meine Mutter ist Teil dieser patriarchalischen Kultur: Sie wollte mich nur 'gut' und ehrenhaft machen, damit ich nicht ausgegrenzt werde."

Von Judith Kubitscheck (epd)