Mit weichem Fell und unerschütterlicher Ruhe

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Wie Hunde die Arbeit der Justiz unterstützen
Therapie und Begleitung: Wie Hunde die Arbeit der Justiz unterstützen
Stuttgart (epd).

Trockenübung im Stuttgarter Amtsgericht: Wie selbstverständlich trottet der Altdeutsche Schäferhund „Al Capone“ neben seiner Begleiterin an den uniformierten Justizmitarbeitern vorbei durch die Sicherheitsschleuse. Im leeren Gerichtssaal legt er sich neben den Stuhl, auf dem Zeugen und Zeuginnen befragt werden und bleibt dort völlig ruhig liegen. Seine Hundeführerin Sabine Kubinski gibt ihm ein Leckerli: Der eineinhalbjährige Hund hat seine Übung gut gemeistert.

Normalerweise sind Vierbeiner im Gericht verboten, aber für ihn und seine Hundekollegen „Henri“ und „Watson“ werden Ausnahmen gemacht. Während „Al Capone“ noch trainiert, sind „Watson“ und „Henri“ bereits fertig ausgebildete „Vernehmungsbegleithunde“ des freien Trägers „PräventSozial“. Das heißt: Sie begleiten schutzbedürftige Zeugen wie Kinder, Menschen mit einer geistigen Behinderung oder traumatisierte Erwachsene im Strafverfahren. Sie machen Mut und unterstützen.

Seit vergangenem Jahr wurden etwa 35 Zeugen vor Gericht oder in richterlichen Video-Vernehmungen bei ihrer Aussage durch ausgebildete Therapiebegleithunde unterstützt. Nach eigenen Angaben ist das Projekt deutschlandweit einzigartig.

Allein die Anwesenheit eines Hundes führe bei Menschen, die Hunde mögen, zur Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin, wie „PräventSozial“ erklärt. Dieses wirke entspannend und helfe, in der Stresssituation einer Zeugenvernehmung Unsicherheiten abzubauen, sagt Sozialpädagogin Kubinski, die das tiergestützte Projekt leitet. „Weniger Unsicherheit und Stress können zu einer besseren Aussagequalität beitragen.“

Rechtsanwältin Julia Mende aus Esslingen bei Stuttgart vertritt als Nebenklagevertreterin regelmäßig Opfer von Sexualdelikten. Sie hat bei richterlichen Videovernehmungen außerhalb der Hauptverhandlung bereits vier Mal die Hunde in Aktion erlebt. Für sie sind die Tiere, die bei der Vernehmung der jungen Zeuginnen ruhig daneben auf ihrer Decke gelegen hätten, ein „exorbitanter Mehrgewinn“.

Ihre Anwesenheit sei eine Unterstützung in einem Moment, in dem die Richterin nach intimsten Details der Tat fragen müsse. Die Hunde wirkten beruhigend, ohne die Aussage zu beeinflussen. Wenn sie dagegen als Anwältin ein weinendes Mädchen tröste, könne sie das aus Sicht der Verteidigung rechtlich angreifbar machen, erklärt Mende.

Auch dass die Kinder nach der Vernehmung den Hund mit einem Leckerli belohnen dürften, sorge dafür, dass bei ihren jungen Mandantinnen nicht nur die belastende Vernehmung in der Erinnerung bleibe, sondern auch, dass sie mit einem süßen Hund spielen konnten, sagt die Anwältin.

„Al Capone“ soll in Zukunft aber auch noch eine andere Aufgabe wahrnehmen: Gemeinsam mit seiner Hundeführerin soll er auch mit der Gegenseite arbeiten, mit Gewalt- und Sexualstraftätern. Derzeit durchlaufen der Schäferhund und Kubinski mit vier weiteren Teams aus dem gesamten Bundesgebiet den ersten Ausbildungsjahrgang der Weiterbildung „HundsKerle TGT“. Es handelt sich um ein standardisiertes hundegestütztes Therapiekonzept im Strafvollzug, das speziell auf die Arbeit mit Straftätern ausgerichtet ist.

Entwickelt wurde es von Verena Gutwein, Geschäftsführerin von „pet-agogik“ aus dem baden-württembergischen Altlußheim. Als Gruppentraining wendet sie es seit 2013 in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal an. Es konzentriert sich vor allem auf die Körpersprache und Kommunikation der Teilnehmer. „Ein Hund ist ein Spezialist in der Kommunikation“, erklärt Gutwein. Er rieche die Hormone seines Gegenübers und mache versteckte Stimmungen und Gefühle durch sein Verhalten sichtbar.

Ihre Klienten hätten oft keinen Zugang mehr zu ihrem Körperempfinden und könnten nicht einschätzen, was ihre Körpersprache im Gegenüber auslöse. Die Hunde spiegelten aggressives nonverbales Verhalten direkt wider, indem sie den Kontakt verweigerten oder ins Bellen kämen. Da die Männer in guten Kontakt mit den Hunden kommen wollten, seien sie bereit, ihr Verhalten zu verändern, damit sie das gewünschte Verhalten vom Hund bekämen.

„Wer an HundsKerle teilnimmt, kann sich nicht verstellen“, sagt die Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin Gutwein. Irgendwann seien die Teilnehmer bereit, sich offen und ehrlich zu zeigen - ein wichtiger Schritt in Richtung Resozialisierung.

„Al Capone“ sitzt nach Ende seiner Übungsstunde vor Gericht im Büro der Hundeführerin auf einem grünen Kissen und kaut an einem Leckerli. Sie sei immer wieder beeindruckt von der positiven Wirkung, die die Tiere auf Straffällige ebenso wie Opfer hätten, sagt Kubinski.

Besonders erinnert sie sich an einen Fall: Eine Zeugin mit geistiger Behinderung sei am Tag ihrer Zeugenvernehmung völlig aufgeregt im Gericht angekommen, habe geweint. Doch als sie den Hund „Watson“ gesehen habe, habe sich ihr Gesicht aufgehellt. Die junge Frau, die den Golden Retriever bereits kannte, habe eine selbstgebastelte Tüte mit Leckerlis für ihn dabei gehabt. Aufrecht ging sie mit dem Hund an der Leine in den Gerichtssaal und setzte sich an den Zeugentisch, wie Kubinski erzählt: „Ihre Stimmung hatte sich schlagartig geändert.“

Von Judith Kubitscheck (epd)