Theologin mit Millionenpublikum

Lucie Panzer
Das Radio war ihre Kanzel: Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer.
Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer geht in den Ruhestand
Stuttgart (epd)

Im Südwesten Deutschlands ist sie einem Millionenpublikum bekannt: Die evangelische Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer hat mehr als ein Vierteljahrhundert übers Radio zu Menschen über Gott und die Welt gesprochen. Am 18. März wurde sie mit einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt die promovierte Theologin, warum sie im Radio nicht nur Pflaster für die Seele verteilt.

epd: Frau Panzer, was unterscheidet die Kanzel im Radio von der Kanzel in der Kirche?

Panzer: Im Radio spreche ich zu Leuten, die zu einem großen Teil nicht auf die Idee kämen, sich eine Predigt anzuhören. In der Mehrheit sind das Menschen, die einfach Radio hören wollen wegen der Musik, der Nachrichten, des Wetterberichts, der Verkehrslage - wegen Dingen, die ihnen im Alltag nützen. In diese Erwartung hinein kommen die Morgenandachten. Auch sie müssen die Fragen beantworten: Was bringt mir das? Was hat das mit meinem Alltag zu tun? Deshalb fangen wir in den Andachten in der Regel bei einem Alltagsproblem an, etwa bei der Kindererziehung oder dem Tod eines Angehörigen - und zeigen dann, welche Antworten der christliche Glaube gibt.

epd: Kritische Geister hören ja mit der Stoppuhr zu und messen, wann in der Radioandacht nach einem allgemeinen Einstieg die "Jesus-Kurve" kommt? Wann kommt bei Ihnen die "Jesus-Kurve"?

Panzer: Ich hoffe, dass ich keine "Jesus-Kurve" habe. Das Alltagsproblem reiße ich nur sehr knapp an, denn das kennen die Leute schon - unsere Sendungen sind ja nicht dafür da, die Probleme der Menschen zu verdoppeln. Also komme ich schnell zu der Aussage, was mir in so einer Situation hilft - und das leite ich eben häufig von der Bibel ab.

epd: Wie viele Radioandachten haben Sie seit 1995 gehalten?

Panzer: Ich habe jedes Jahr in sieben bis acht Wochen die "Anstöße" und "Morgengedanken" gemacht an sechs oder sieben Tagen pro Woche. Dazu kamen vier Mal im Jahr die "Sonntagsgedanken" sowie rund zwölf Mal im Jahr das Format "Drei vor acht". Alles in allem dürfte die Zahl der Andachten also bei mehr als 1.500 liegen. Die "Morgengedanken", die vier Mal am Vormittag ausgestrahlt werden, haben täglich rund eine Million Zuhörer. Die Sonntagsgedanken, die um 8:50 Uhr gesendet werden, zählen rund 400.000 Zuhörer. Die Sendungen auf SWR3 haben mehr als eine halbe Million Zuhörer.

epd: Was war die schönste Erfahrung in Ihrem Rundfunkdienst?

Panzer: Positive Hörerpost. Vor vielen Jahren habe ich zum Beispiel einen Beitrag gemacht über meine beiden Söhne, die sich beim Zähneputzen über Schulängste unterhielten. Der Kleine litt unter Schulängsten und hatte morgens immer Bauchweh. Dann sagte ihm der Größere, er habe das früher auch gehabt. "Dann hat Mama mit mir gebetet, und das hat geholfen." Dazu las ich dann in der Sendung noch dieses Kindergebet vor. Anschließend forderten 500 Leute das Manuskript an. Es waren eben viele darunter, deren eigene Kinder Schulängste hatten. Die wollten das mit dem Gebet einfach ausprobieren.

epd: Haben Sie manchmal einen Text komplett umschreiben müssen, weil es die Nachrichtenlage erforderte?

Panzer: Ja, ich musste ganze Sendungen absetzen, das kam immer wieder vor bei Katastrophen, Amokläufen, Tsunamis, Terroranschlägen. Das ist aber immer eine Abwägungssache. Wenn man so was zu oft macht, werden die Leute nur zusätzlich verunsichert. Dann ist es auch nicht hilfreich.

epd: Verstehen Sie Ihre Beiträge eher als Pflaster für die Seele oder fordern Sie die Hörer auch mal provokativ heraus?

Panzer: Beides. In der Corona-Zeit war mir die biblische Botschaft "Fürchte dich nicht" besonders wichtig, um die Leute zu erinnern, dass auch in dieser schwierigen Phase Gott bei ihnen ist. Bei anderen Themen, etwa dem Klimawandel, wäre "Fürchte dich nicht" die falsche Botschaft. Da versuchte ich deutlich zu machen, dass jeder seine Verantwortung wahrnehmen muss.

epd: Wurde das, was Sie tun, von Ihrem Auftraggeber - der Kirche - immer richtig verstanden?

Panzer: Kirchenleute machen sich zu wenig klar, dass wir im Rundfunk nicht zu Kirchenleuten reden und auch nicht zu Gottesdienstbesuchen. Über 90 Prozent derer, die uns zu hören, gehören entweder einer andere Konfession an oder sind gar nicht mehr in der Kirche oder sind evangelisch, kämen aber nie auf die Idee, in den Gottesdienst zu gehen. Sie sind also oft ganz, ganz weit weg von dem, wie wir in der Kirche reden. Bei denen möchte ich Verständnis dafür wecken, dass der christliche Glaube gar nicht so verkehrt und abwegig ist, wie sie vielleicht denken. Sie erkennen im besten Fall, dass das auch etwas mit ihrem Leben und Alltag zu tun hat.

epd: Werden sie auch als Ruheständlerin im Radio zu hören sein?

Panzer: Ich habe eine große Familie, acht Enkelkinder, und werde es genießen, nicht erst in den Kalender schauen zu müssen, wenn sie etwas von mir wollen. Ich möchte ohnehin viel weniger termingebundene Dinge tun, deshalb mache ich in Zukunft keine Radioandachten mehr. Abwechselnd mit dem früheren Medienpfarrer Andreas Koch schreibe ich seit neuestem eine Kolumne im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg. Außerdem bin ich in der Redaktion für die Calwer Predigten online - da gibt es für jeden Sonntag eine Predigt für alle, die keine eigene Predigt vorbereiten können. Ende des Monats erscheint außerdem mein möglicherweise letztes Buch mit Andachten. Titel: "Geländergeschichten: Für Halt und Haltung im Leben".

epd-Gespräch: Marcus Mockler