«Wir verlieren die konservative Mitte»
Valerie Weber
Valerie Weber ist Programm-Geschäftsführerin bei Audiotainment Südwest (Radio Regenbogen, Regenbogen 2, BigFM, RPR 1).
Programm-Geschäftsführerin Weber wirbt für konstruktiven Journalismus
Mannheim (epd)

Valerie Weber hat die Grenzen zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Radio mehrfach überschritten.
Zuletzt war sie acht Jahre lang Programmdirektorin beim WDR in Köln, seit Februar ist sie Programm-Geschäftsführerin für die Audiotainment Südwest mit den Privatsendern Radio Regenbogen, Regenbogen 2, BigFM und RPR1. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) plädiert sie leidenschaftlich für «konstruktiven Journalismus» und diverse Redaktionen. Außerdem erläutert sie die Chancen des Radios angesichts von Nachrichtenvermeidung und Streamingkonkurrenz.

epd: Frau Weber, Sie werben für den sogenannten konstruktiven Journalismus. Was verstehen Sie darunter?

Weber: Konstruktiver Journalismus ist mir seit 20 Jahren eine Herzensangelegenheit, und es bedeutet, es sich als Journalist zur Aufgabe zu machen, auch Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme anzubieten. Wir dürfen nicht stehen bleiben, indem wir nur die Probleme im Land identifizieren. Medien sind Teil dieser Gesellschaft und sollten nicht distanziert oder gar zynisch an der Seite des Spielfeldes stehen.

epd: Was können Redaktionen tun?

Weber: Wir sollten gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchten - auch um Wissen, Verständnis und vielleicht sogar Sympathie für andere Meinungen zu fördern. Lösungsorientierter Journalismus ist für mich deshalb eng mit Multiperspektivität verbunden. Die größte Gefahr für Journalisten ist nämlich, dass sie ihre eigene Blase nicht sehen. Deshalb müssen wir auf andere Perspektiven achten, auch bei der Besetzung von Positionen. Es ist nicht damit getan, Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung anzuheuern, um dann zu sagen: Wir sind divers. Es nützt nichts, wenn wir alle die gleiche liberale Einstellung zu einem Thema haben. Mangelnde soziale Diversität im Journalismus ist der Kern des Problems.

epd: Warum ist das ein Problem?

Weber: Weil sich beispielsweise die bürgerliche konservative Mitte oft nicht mehr in den Qualitätsmedien vertreten sieht. Das ist eine große Gefahr für unsere Demokratie. Denn diese Menschen suchen sich andere Sprachrohre, und wir haben in Amerika gesehen, was passieren kann. Das ist meine größte Sorge. Wir Journalisten neigen dazu, aus Prinzip für Minderheiten Partei zu ergreifen, das ist das Vermächtnis unseres humanistischen Menschenbildes. Oder, um die Schriftstellerin Juli Zeh zu zitieren: «Wenn David gegen Goliath antritt, drückt der Pöbel David die Daumen. Als ob Unterlegenheit ein moralischer Vorteil wäre.» Das war so in der Flüchtlingsfrage und hält an in der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg und diktiert die Feder in der Genderfrage. Deshalb ist es so wichtig, dass wir erkennen, wo unsere blinden Flecken sind. Wenn nur Menschen, die studiert haben, an unsere Redaktionstische bei Öffentlich-Rechtlichen oder Privaten dürfen, dann 'Gute Nacht'.

epd: Wie sieht die Lösung aus?

Weber: Es braucht eine andere Personalpolitik, die Öffnung von Redaktionskonferenzen für andere Berufsgruppen. Und solange diese Einseitigkeit in der jahrelangen Besetzungspolitik nicht behoben ist, sollten wir uns in der Redaktion für die Berufsgruppen öffnen, die auch bei uns arbeiten. Das können Techniker, Technikerinnen oder Assistenten sein oder eben auch die Menschen, die bei uns die Räume putzen, die Input geben. Übrigens, gerade die Kreativsten schaffen oft den Studienabschluss nicht, weil Formatsprenger nicht innerhalb der gesetzten Grenzen und Fristen bleiben. Ein Fritz Pleitgen hatte auch kein Studium, stand mit beiden Beinen im Leben und war ein fantastischer Journalist und Intendant.

epd: Wie stellen Sie denn in Ihren Radioredaktionen echte Diversität her?

Weber: Wir sind mutig bei Neueinstellungen, suchen gezielt nach Kommunikatoren, die möglichst noch nicht in den klassischen Medien gearbeitet haben und durch ihre soziale Herkunft wertvolle Impulse einbringen. Wir achten darauf, die Unterschiedlichkeit tagtäglich zu pflegen und fördern. Wer Diversität will, muss damit leben, dass das Unternehmen agiler und wendiger und genau deswegen auch langsamer wird. Auch weil Multiperspektivität rauszuarbeiten mehr Zeit braucht als naheliegende Positionen zu beziehen.

epd: Und wie praktizieren Ihre Sender konstruktiven Journalismus?

Weber: Zunächst mal sensibilisieren wir uns alle für das Thema durch externe Impulse: Ulrik Haagerup vom «Constructive Institute» oder Peter Lindner, bis vor kurzem Chefredakteur Online der Süddeutschen Zeitung, inspirieren uns in Workshops. Und im Alltäglichen konzentrieren wir uns mehr darauf, das Thema hinter dem Thema zu sehen. Als Radiosender können wir nicht wie eine Agentur reine Information liefern, sondern wir haben die Auswirkungen auf unsere Zuhörer zu bedenken und nach Lösungen zu suchen. Zudem versuchen wir, in unsere Nachrichtensendungen immer ein ausgewogenes Verhältnis von guten und schlechten Nachrichten zu bringen, und das ist nicht, wie manche sich sorgen, eine Verzerrung der Wirklichkeit, sondern das Gegenteil.

epd: Wirkt das beim Publikum?

Weber: Ja, denn zur Realität gehören auch gute Nachrichten. Die Menschen sind dankbar, dass wir einmal pro Stunde eine gute Nachricht senden. Wir haben im Moment ja eher den Trend, dass Menschen vor Nachrichten flüchten. Unter den 25- bis 35-jährigen sagen 77 Prozent, dass sie immer wieder Nachrichten meiden. In der Gesamtbevölkerung sind es immer noch über 60 Prozent.

epd: Warum sind Ihnen Nachrichten so wichtig? Sie könnten sich als Wirtschaftsunternehmen doch auch auf den Standpunkt stellen: Ob News oder keine, Hauptsache die Einschaltquote stimmt.

Weber: Die Nachrichten sind das journalistische Rückgrat einer Medien-Marke. Hier kann man zeigen, was man journalistisch kann und wie man sich bewusst unterscheiden möchte. Deshalb legen wir großen Wert auf 50 Prozent regionale Nachrichten, denn das unterscheidet uns von vielen Mitbewerbern. Von der Quote her wäre es tatsächlich kurzfristig besser, Nachrichten auf wenige Sekunden zu reduzieren.
Aber auf lange Sicht würde das die Marke ausbrennen lassen, denn wir sind eben nicht allein eine Musikabspielstätte, das kann personalisiertes Streaming besser. Wir sind soziale Wesen, die gemeinschaftlich Nachrichten konsumieren, auf einem gemeinschaftlichen Stand der Dinge sein wollen, um uns austauschen zu können.

epd: Ist die Digitalisierung fürs Radio eine Bedrohung?

Weber: Zumindest erschwert sie unsere Auffindbarkeit als Sender, wenn es keine Radiogeräte mehr gibt. Früher hatten wir durchschnittlich 7,5 Radiogeräte pro Haushalt. Doch wenn das alte Küchenradio kaputtgeht, wird es häufig nicht mehr ersetzt, sondern man hört Radio über das Internet, zum Beispiel auf dem Handy. Ein zufälliges Zappen wie im Autoradio findet dort nicht mehr statt. Bei Apps oder Smart Speakern muss man genau wissen, welche Station man sucht. Deshalb haben hier die großen Öffentlich-Rechtlichen häufig einen Markenvorteil gegenüber den kleineren regionalen Sendern.

epd: Wo sehen Sie angesichts der Streamingkonkurrenz Chancen des Radios?

Weber: Radio hat seine Chance in der Community, in der Gemeinschaft. Es kommt ein neues Musikalbum heraus, und das hören wir uns gemeinsam an. Es ist bedeutsam zu wissen, dass andere Menschen jetzt auch mithören. Wenn Radio sich nicht stärker auf den Community-Gedanken besinnt, wird es weiter gegen Social Media verlieren. Denn auch dort ist ein treibender Faktor, zu erfahren, womit sich andere gerade beschäftigen und worüber sie sich informieren.

epd: Wie sieht es mit der von Ihnen geliebten Kultur im Privatradio aus?

Weber: Als Regionalsender ist es für uns am leichtesten, Kabarettisten und Kleinkünstler ins Programm zu bringen. Die haben nach der Corona-Pandemie und mitten in der Inflation riesige Probleme, ihre Veranstaltungen zu verkaufen. Erst kürzlich habe ich den Spruch eines bekannten Comedians gehört: «100 ist das neue ausverkauft» - gemeint sind 100 Eintrittskarten. Die Kleinkunstszene stirbt aus, wenn wir sie nicht unterstützen.

epd: Wir danken für das Gespräch.

 

Von Marcus Mockler (epd)