Wie Nachbarn und Freunde zu Opfer wurden
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Viele Jahrzehnte waren die Juden in Laupheim geschätzte Nachbarn und Vereinsmitglieder. Diese Beziehungen, aber auch das brutale Ende des Judentums in Deutschland zeigt eine neue Ausstellung.
Ausstellung zeigt die wechselnden Beziehungen von Juden und Christen
Laupheim (epd)

Wie lange Jahre wohlgelittene Freunde und Nachbarn zu Opfern von unbarmherziger Verfolgung werden, zeigt die neue Dauerausstellung «Jüdische Beziehungsgeschichten» des Hauses für Geschichte Baden-Württemberg. Das Beispiel für den gemeinsamen Weg von Juden und Christen, aber auch für Ausgrenzung und Gewalt gibt die oberschwäbische Kleinstadt Laupheim (Kreis Biberach), die früher die größte jüdische Gemeinde im ehemaligen Königreich Württemberg war.

Wie die 144 Exponate der Ausstellung ab 24. Januar im Laupheimer Museum zur Geschichte von Christen und Juden zeigen, waren die jüdischen Mitbürger vor allem im 19. Jahrhundert vollständig in die städtische Gesellschaft integriert. Sie waren geschätzte Mitglieder in den verschiedenen Vereinen und füllten als erfolgreiche Unternehmer und Geschäftsleute mit ihren Steuern die städtischen und staatlichen Kassen. 1869 lebten 843 Menschen jüdischen Glaubens in Laupheim - ein Viertel der Bevölkerung. Grundlage für diesen Aufschwung war die weitgehende rechtliche Gleichstellung der Juden einige Jahre vorher.

Das jüdische Leben reichte jedoch in Württemberg viel weiter zurück: Erste jüdische Siedlungen gab es bereits im Mittelalter, wie eine steinerne Inschrift in Schwäbisch Hall aus dem 11. Jahrhundert belegt. Vor allem die aufstrebenden Reichsstädte boten durch eine gewisse Offenheit und Toleranz («Stadtluft macht frei») ein einigermaßen günstiges Umfeld für Juden, weshalb sich größere Gemeinden beispielsweise in Ulm, Schwäbisch Gmünd und Esslingen bildeten.

Diese Entwicklung kam zu einer ersten furchtbaren Zäsur durch die Pest-Epidemien im 14. Jahrhundert. Denn die jüdischen Mitbürger wurden als Sündenböcke für den massenhaften Tod verantwortlich gemacht, unbarmherzig verfolgt oder ausgewiesen. Als Ausnahme gab es nur an den Herrscherhäusern einige wenige Juden, die dem jeweiligen Regenten vor allem als Bankiers und Finanzfachleute nützlich waren. Zu ihnen gehörte Joseph Süß Oppenheimer (1692 - 1738), der von der Nazi-Propaganda als ein groteskes Negativbeispiel diffamiert wurde.

Die endgültige Katastrophe für das Judentum auch in Württemberg war der wachsende Antisemitismus, der in die vollständige Vernichtung jüdischen Lebens durch die Nazis nach 1933 mündete. Die Dauerausstellung in Laupheim zeigt diesen Abbruch ganz konkret: Auf überdimensionalen Fotos von Freundesgruppen, Vereinsjubiläen oder gesellschaftlichen Veranstaltungen werden einzelne Figuren herausgehoben, mit dem Zusatz «Flucht» oder «Auschwitz». Sehr transparent wird anhand von Namenslisten deutlich gemacht, wie sich die früheren Nachbarn und Freunde völlig ungeniert an ehemaligem Besitz, Häusern und Geschäften von deportierten oder geflohenen Juden bereicherten. Und auch die SA-Leute, die die Reichspogromnacht 1938 organisierten und die Synagoge in Brand steckten, waren alles Laupheimer Bürger, die ihre Opfer schon lange und gut gekannt hatten, wie die Ausstellungsleiterin Cornelia Hecht-Zeiler erläuterte.

Die Ausstellung mit ihrem langen zeitlichen Vorlauf konnte die aktuellen Geschehnisse nach dem 7. Oktober nicht mehr berücksichtigen, erklärte Paula Lutum-Lenger, die Direktorin des Hauses der Geschichte Baden-Württembergs. Für den Laupheimer Oberbürgermeister Ingo Bergmann ist die Ausstellung in einer aufflammenden Debatte um Remigration bedeutsam, weil sie zeige, wie Menschen aus einer Stadt herausgerissen wurden und dass diese «Mechanismen» noch immer da seien. Dadurch liefere, wie Kulturstaatsministerin Claudia Roth in einer Videobotschaft zur Eröffnung sagte, die Dauerausstellung einen «wichtigen Beitrag für Wissensvermittlung und den aktuellen Diskurs». Deshalb hatte sich das Bundesförderprogramm «Investitionen für nationale Kultureinrichtungen in Deutschland» mit 625.000 Euro an den Gesamtkosten von 1,56 Millionen Euro beteiligt.

Die Ausstellung im Kulturhaus Schloss Großlaupheim beschränkt sich jedoch nicht auf die Exponate, die vor allem die Familien von vertriebenen Laupheimer Juden beigesteuert haben. Sie führt auch multimedial mit einer eigenen App an markante jüdische Orte der Stadt, wie den jüdischen Friedhof. Zu diesen Orten gehört auch das Geburtshaus von Karl Lämmle, der als Carl Laemmle in den USA eine große Karriere im Filmgeschäft machte und zum Mitbegründer der Filmindustrie in Hollywood wurde. Allerdings begegnet man in Laupheim auch ganz analog der jüdischen Geschichte: Zu dem täglichen Angebot in den Bäckereien gehören auch heute noch die «Berches», eine Art jüdischer Hefezopf.

 

Von Achim Schmid (epd)