Wie fühlt sich wohl ein schwarzes Kind?

s:63:""Jim Knopf" enhält nach Expertenansicht rassistische Elemente.";
"Jim Knopf" enhält nach Expertenansicht rassistische Elemente.
Beim Vorlesen von Kinderbüchern ist ein kritischer Blick gefragt
Stuttgart, Freiburg (epd).

Wer der Diversität der Gesellschaft gerecht werden will, stößt beim Vorlesen von Kinderbüchern wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ oder „Pippi Langstrumpf“ leicht an seine Grenzen. Das N-Wort in den Kinderbuchklassikern verunsichert Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen. In Online-Workshops, die das Lindenmuseum Stuttgart zusammen mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach organisiert hat, suchen Pädagogen und Pädagoginnen nach einem angemessenen Umgang mit rassistischen Ausdrücken in Kinderbüchern.

„Da geht es um bestimmte Wörter, die in der Entstehungszeit der Bücher verwendet wurden, und die für uns nach wie vor rassistisch sind“, erklärt Sylvie Nantcha. Sie ist Bundesvorsitzende von Tang e.V. in Freiburg, einem Netzwerk von afrikanischen Vereinen und Einzelpersonen in Deutschland. Rassismus zeige sich oft in der Sprache. Sprache wiederum präge das kollektive Bewusstsein. Das Thema Rassismus gehöre deshalb auf den Bildungsplan. Die Position von Tang e.V. sei eindeutig die, dass alle (Schul-)Bücher, gleich ob Kinder- oder Erwachsenenbücher, auf eine von Rassismus freie Sprache untersucht werden sollten.

„In Bezug auf den Umgang mit rassistischen Wörtern in älterer Literatur gibt es keinen Masterplan“, betont die Museumspädagogin Rosalie Möller vom Lindenmuseum Stuttgart. Wesentlich sei, dass der Vorlesende sich die mit bestimmten Wörtern oder auch Illustrationen verbundene Rassismus-Problematik bewusstmache: Eltern, Erzieherinnen oder Lehrer sollten Kindern erklären, dass bestimmte Wörter für schwarze Menschen verletzend seien. Aus Rücksichtnahme könnten Vorlesende auch Passagen weglassen, die eventuell verletzend seien.

Gerade schwarze Menschen machten häufig Diskriminierungserfahrungen, erklärt Sylvie Nantcha. Damit werde ihnen im Alltag regelmäßig vermittelt, „anders“ zu sein, obwohl sie sich aufgrund ihrer Sozialisation in Deutschland als Deutsche fühlten.

Am Beispiel von Michael Endes Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ zeigt Larry King Bamidele vom Stuttgarter Projekt „Bücherpädagogik“ Textstellen auf, die aus heutiger Sicht rassistisch sind. Jim Knopf etwa sei immer wieder als „dreckig“ beschrieben. Ein schwarzes Kind könnte dies auf sich beziehen und sich dadurch erst seiner anderen Hautfarbe bewusstwerden.

Er habe als Schüler selbst erfahren, was stereotype Bilder mit einem Kind machten, sagte Bamidele. In deutschen Schulbüchern sei Afrika als Land der Löwen und Urwälder dargestellt, er komme jedoch aus einer afrikanischen Stadt. Um akzeptiert zu werden, habe er seine wahre Herkunft verleugnet und seinen deutschen Mitschülern Geschichten von wilden Tieren erzählt, die er in Wirklichkeit nie gesehen hatte. Der Sozialpädagoge fordert, Migranten als Experten des eigenen Lebens anzunehmen.

Die Hautfarbe eines Protagonisten gehöre nicht in Kinderliteratur, urteilt die Gründerin von „Bücherpädagogik“, Katharina Schäfer. Rassismus drücke sich nicht nur in einzelnen Wörtern aus, machen Bamidele und Schäfer deutlich. Auch die Beschreibung einer literarischen Figur im Text könne durch klischeehafte Übertreibung des „Fremden“ ein Zerrbild schaffen.

Dabei spielen auch die Illustrationen eine Rolle. In farbigen Illustrationen ließe sich gesellschaftliche Vielfalt aber durchaus darstellen, sagt Museumspädagogin Rosalie Möller. Der Oetinger-Verlag hat in der Neuauflage des Kinderbuchklassikers „Pippi Langstrumpf“ der Diskussion um das N-Wort Rechnung getragen und durch „Südseekönig“ ersetzt. Die Illustrationen habe man nicht verändert, teilte der Verlag auf Anfrage mit.

Die Schwierigkeit, Vielfalt in Kinderliteratur wertschätzend darzustellen, erkennt auch Professorin Heike Gfrereis, Leiterin der Museen im Deutschen Literaturarchiv Marbach. „Sprache ist nie neutral“, sagte sie. Das N-Wort in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sei seinerzeit als „Abenteuerwort“ gebraucht worden - aus heutiger Sicht sei das natürlich sehr naiv. Der Autor Michael Ende distanziere sich jedoch im Text selbst schon dadurch vom Vorwurf des Rassismus, indem er das Wort dem „besserwisserischen Herrn Ärmel“ in den Mund lege.

„Ich denke, nur weil ich mit wichtigen Themen sensibler umgehen will, kann ich Literatur nicht einfach umschreiben“ sagt Gfrereis. Aber das könne man: „Texte bei der gemeinsamen Lektüre aus der historischen Perspektive heraus kritisch reflektieren“. Insofern sollten pädagogische Fachkräfte eine Anleitung erhalten, um besser mit der eigenen Unsicherheit im Umgang mit rassistischen Ausdrücken in Kinderliteratur zurechtzukommen.

Man könnte etwa die Frage stellen, wie sich ein schwarzes Kind vermutlich fühle, wenn es bestimmte Texte höre, und somit negative Erfahrungen ansprechen, die mit Unterschiedlichkeiten - nicht nur der Hautfarbe - einhergingen. Die Sprache der Literatur sei oftmals doppeldeutig und nur aus dem Kontext heraus zu verstehen. Wir bräuchten so etwas wie eine „Ambiguitätstoleranz“, meint die Museumsleiterin - also, die Fähigkeit, Mehrdeutiges und auch Widerspüchliches in einem literarischen Werk zu akzeptieren.

Von Susanne Lohse (epd)