"Weihnachtskonzerte haben sich in Luft aufgelöst"

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Kirchenmusikdirektor Peter Ammer
Kirchenmusikdirektor zur Situation von Chören und Musikern
Nagold/Stuttgart (epd)

Kurzfristig abgesagte Konzerte an Weihnachten - und Chöre, die nach einem Jahr ohne Probe nicht mehr dieselben sind: Nach Beobachtung des Nagolder Kirchenmusikdirektors Peter Ammer, der ab Januar 2021 Präsident des Verbandes Evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in Deutschland (VEM) sein wird, haben viele Chorleiter Sorge, dass ihnen ihre Sänger abspringen. Außerdem stecke in vielen Köpfen seit Corona die Angst vor dem "gefährlichen Singen", sagt Ammer im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) - keine gute Perspektive für Kirchenchöre.

epd: Herr Ammer, Weihnachten zu Corona-Zeiten - eine Herausforderung für Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern. Wie gehen Sie damit um?

Ammer: Alle Kollegen, mit denen ich in letzter Zeit Kontakt hatte, planten trotz der Ungewissheit, was tatsächlich an Heiligabend stattfinden kann, schöne Gottesdienste - oft mehrfach angepasst wegen der sich verändernden Verordnungen. Und nun hat sich wenige Tage vorher das meiste davon einfach in Luft aufgelöst.

Bei uns in Nagold beispielsweise wurden wegen der hohen Inzidenzwerte alle Präsenzgottesdienste von Heiligabend bis mindestens zum 6. Januar abgesagt. Normalerweise hätten meine Frau und ich als hauptberufliche Kirchenmusiker bei sieben Gottesdiensten am 24. Dezember musiziert - nur unterbrochen für eine Pause für unser traditionelles Weihnachtsessen, Saitenwürstchen mit Kartoffelsalat. Das ist für uns herrlich, und deshalb haben wir auch diesen Beruf gewählt. Dieses Jahr in nur einem Gottesdienst an Heiligabend musizieren zu dürfen, ist für mich noch sehr gewöhnungsbedürftig.

epd: Das "Jauchzet, frohlocket" wird dieses Jahr wohl kaum in einer Kirche live zu hören sein. Wie ist es für die Kirchenmusiker, wenn nun größtenteils keine Aufführungen an Weihnachten möglich sind?

Ammer: Das ist in erster Linie traurig, wenn man am freudigsten Fest des Jahres das Lob nur hinter der Maske, beziehungsweise überhaupt nicht singen kann. Ein Problem haben auch alle nebenberuflichen Kirchenmusiker, die teils keine feste Anstellung haben und dann auch nichts verdienen. Das kann zu echten finanziellen Problemen führen.

Andererseits leiden die Kirchenmusiker aber auch, weil sie eine unglaublich hohe Identifikation mit den ehrenamtlichen Chorsängerinnen und Chorsängern haben und auch nach der Pandemie noch einen Chor leiten wollen. Denn viele haben Angst, dass die Sänger abspringen, wenn nach aufwendigen Proben unter Einhaltung der Hygienevorschriften nun alles abgesagt werden muss.

epd: Und wie sieht es bei den hauptberuflichen Musikern aus, die Sie für Konzerte engagieren, wie einen Bratschisten oder eine Sopranistin?

Ammer: Ich wollte in kleinster Besetzung am 27. Dezember einen Teil des Weihnachtsoratoriums aufführen. Jetzt werden wir es vorproduzieren, um wenigstens online die Menschen damit erfreuen zu können. Dafür habe ich drei professionelle Sänger engagiert. Selten habe ich einen solchen Schwall von Dankbarkeit erlebt, der mir entgegenkam, als ich die Musiker anfragte. Mein Bassist sagte mir: "Das ist erst mein drittes Konzert seit Juli, bei dem ich wieder singen darf".

Besonders dramatisch ist es für die ausschließlich selbstständigen Musiker, für die fast alles wegbrach. Die Landeskirche hat uns schon lange aufgefordert, in Gottesdiensten professionelle Musiker zu engagieren; aber das Geld gibt es natürlich nur, wenn etwas stattfindet.

epd: Was sind Ihre kirchenmusikalischen Prognosen für das neue Jahr?

Ammer: Alle wünschen sich die Zeit vor der Pandemie zurück. Aber für mich ist bereits seit April klar, dass wir nicht mehr an dem früheren gewachsenen Standard ansetzen können. Wir müssen unsere kirchenmusikalische Arbeit in vielem völlig neu aufstellen - und lernen, uns mit den neuen Realitäten zu arrangieren.

Wenn ein Chor ein Jahr lang nicht mehr regelmäßig singt, dann sinkt das Niveau - deutlich hörbar. Viele ältere Sängerinnen und Sänger haben die Corona-Zeit als Anlass gesehen, sich endgültig vom Chor zu verabschieden. In manchen Dörfern kommen nur noch zwei, statt 25 Leuten zur Probe, weil die Angst grassiert - oder der Chorleiter selbst gehört zur Risikogruppe und deshalb finden keine Proben mehr statt. Außerdem motiviert eine Probe in einer acht Grad kalten Kirche und mit 2,5 Metern Abstand auch nicht wirklich. Irgendwann ist die Motivationsgrenze erreicht.

epd: Das klingt sehr pessimistisch. Aber kann es nicht sein, dass die Chorsänger gerade jetzt merken, wie wichtig ihnen das Singen und die Gemeinschaft ist, und liebend gerne wieder kommen, wenn es wieder normale Zustände gibt?

Ammer: Tatsächlich sind die Chorsänger sehr dankbar, wenn sie in einem kleinen Auswahlchor im Gottesdienst singen dürfen, und freuen sich, in einer sicheren Atmosphäre auf Abstand Gemeinschaft zu erleben. An dieser Dankbarkeit merke ich, wie hoch das Bedürfnis nach dem Singen als solchem und vor allem nach Gemeinschaft ist.

Kirche macht Gemeinschaft erlebbar - ja Gemeinschaft macht Kirche letztendlich aus. Wenn das komplett wegbricht und auch all die anderen Begegnungsmöglichkeiten wegfallen, sorge ich mich um die seelische Gesundheit vieler. Außerdem steckt nun in vielen Köpfen, dass Singen gefährlich ist. Wir waren so froh, dass wir nach Jahrzehnten des Singmuffeldaseins das Singen wieder salonfähig gemacht haben. Ich hoffe, dass viele - auch für sich persönlich - erkennen, dass Singen nicht per se gefährlich ist, sondern vor allem Körper und Seele guttut.

epd-Gespräch: Judith Kubitscheck