"Nachhaltigkeit ist keine neue Erfindung"

Die Geschichte von Textilien hat eine Botschaft für heute.
Die Geschichte von Textilien hat eine Botschaft für heute.
Der Kurator der Ellwanger Ausstellung "Gut betucht", Jürgen Heinritz, über Kleidung und Ethik
Ellwangen (epd)

Bei Kleidung gilt wie bei Lebensmitteln: Der Verbraucher muss sich entscheiden, ob er billige Massenware mit fragwürdigen Auswirkungen auf Umwelt und Menschen will, oder ob er wertschätzt, was er verwendet, und ob er entsprechend sparsam damit umgeht. Diese Auffassung vertritt der Textilingenieur Jürgen Heinritz im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er ist Kurator der Ausstellung "Gut betucht - Textilerzeugung bei den Alamannen" im Alamannenmuseum Ellwangen. Bis 17. Januar 2021 ist sie dort zu sehen.

Archäologen finden höchst selten Textilien. "Die meisten Relikte sind an Metallstücke ankorrodiert - die Webmuster sind dann zwar oft noch ablesbar, aber die Farben sind komplett weg", berichtet Heinritz. So bleibt oft nur eine Vermutung, wie die Kleidung etwa in der Alamannenzeit 500 Jahre vor Christus ausgesehen hat.

Nur selten gibt es Nachwebungen, wie sie der 1990 verstorbene Mainzer Professor Hans Jürgen Hundt gemeinsam mit seiner Frau etwa von einem Gürtel erstellt hat. Deshalb ist für Heinritz ein besonderer Höhepunkt der Ausstellung ein winziges, gerade mal fingernagelgroßes Stoffstück aus einer Fundstelle bei Kochertürn im Landkreis Heilbronn. "Das ist ein Originalstoff", freut sich der Ausstellungsmacher über die Leihgabe.

Vorgestellt werden in der Ausstellung auch Textilfunde aus Trossingen und Lauchheim, teils mit den neuesten Forschungsergebnissen dazu. Faszinierend sei beispielsweise, was in einem Frauengrab in Lauchheim gefunden wurde: Die Bestattete trug ein Kleid aus chinesischer Maulbeerseide. "Und das 500 vor Christus auf der Schwäbischen Alb." Heinritz schließt daraus: "Wer sich's leisten konnte, hat Teures getragen."

Wie teuer das zu jener Zeit vergleichsweise gewesen sein muss, hat Heinritz beispielhaft am Mantel der Dame aus Lauchheim errechnet. Sie trug über dem Kleid das Tuch, 1,60 mal zwei Meter groß. Übliche Webstühle waren damals aber nur maximal 70 Zentimeter breit. Also brauchte es für die 1,60 Meter Breite einen Spezialwebstuhl und spezielles Können. "Der Hauptzeitaufwand muss aber für das Spinnen des Garns gerechnet werden", sagt Heinritz. "21 Kilometer Garn, gesponnen von Hand - das dauert rund eineinhalb Jahre." Bei einem Stundenlohn von 15 Euro käme man auf 66.000 Euro reine Produktionskosten für diesen Mantel - ohne den Materialwert zu rechnen.

Für gewöhnliche Menschen unerschwinglich, räumt Heinritz ein. "Aber man ging daher auch extrem schonend mit den Ressourcen um." Auch dazu nennt er ein Beispiel: "An einer Moorleiche in Norddeutschland wurde ein Kittel gefunden: aus 45 Flicken von 20 verschiedenen Textilien. Manche durchgewetzten Stellen waren zwei oder drei mal überflickt."

Sehen kann man altes Textilhandwerk am 10. und 11. Oktober beim 6. Ellwanger Alamannenforum. "Die Produktionsabläufe sind im Prinzip seit Jahrtausenden ähnlich - von der Faser über Spinnen und Weben bis zum Verbrauch", sagt der Kurator. Gerade angesichts dieses zugrundeliegenden Aufwands sollte man sich Gedanken machen, ob "fast fashion" zum Wegwerfen der richtige Weg ist.

Das Museum hat deshalb die historische Ausstellung kombiniert mit der Posterausstellung "Ich mache deine Kleidung! Die starken Frauen aus Süd Ost Asien" des Vereins FEMNET in Bonn. Sie zeigt an neun Stationen Porträts von Textilarbeiterinnen aus Kambodscha und Bangladesch und bietet Informationen über die Rolle von Frauen, ihre Arbeitsbedingungen und -rechte in Asien. Den Abschluss bilden Verbrauchertipps unter der Überschrift "Engagiere Dich". Sie kommen bei den Besuchern sehr gut an, berichtet Heinritz.

Denn auch heute sei es eine Überlegung wert, ob man sich nicht doch für "alte" Gewebe wie Leinen aus Flachs, aus Hanf oder Wolle entscheidet. "Die sind immer aktuell, sie haben ihre Berechtigung und behalten die weiter", betont der Textilexperte. "Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit sind keine Erfindung unserer Zeit."

epd-Gespräch: Susanne Müller