"Isolierte finden Glocken tröstend"

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Tröstlicher Klang in der Corona-Krise: Kirchenglocken
Eine neue Glockenläutekultur der Kirchen als Aufgabe und Chance
Karlsruhe (epd)

Der Karlsruher Theologe Wolfgang Vögele begrüßt die aktuellen Glocken-Läuteinitiativen im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Der Wissenschaftler verweist im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) jedoch auch auf sein seit mehreren Jahren geäußertes grundsätzliches Anliegen: "Die Kirchen stehen vor der wichtigen Aufgabe, sich mit ihrer Glocken- und Läutekultur auseinanderzusetzen."

Kirchen und Gemeinde seien derzeit dabei, kreative Ideen zu entwickeln, um den Menschen zu helfen, mit den Ausgangsbeschränkungen zurechtzukommen und den Zusammenbruch des öffentlichen Lebens zu bewältigen, erklärt er. Er findet gut, dass Gemeinden sich zusammenschließen, um regelmäßig sonntags an die ausfallenden Gottesdienste zu erinnern oder die Woche über zu einer festen Zeit zum Innehalten anzuregen und zum Gebet zu ermuntern.

"Viele Menschen, die isoliert in ihren Wohnungen das Geläut gehören, bekräftigen, dass sie den Klang der Glocken tröstend finden", stellt Vögele fest. In einer Ausnahmesituation wie der gegenwärtigen sei zudem das Geläut von Glocken auch besser zu hören, "weil Verkehrs-, Straßen- und Motorenlärm erheblich abgenommen hat".

"Man muss sich die früheren Funktionen von Glocken vor Augen halten, um zu bemerken, wie ungewöhnlich das ist", erläutert der Theologe zur Wiederentdeckung der Glocken. "Früher, im Mittelalter, als es weder Handys noch Armbanduhren gab, waren Glocken der Grundpfeiler eines umfassenden Signalsystems." Jeder kannte den Code der Glocken. Heute gebe es dafür andere, individuellere Informationssysteme.

Jetzt gerade erscheine es "entscheidend wichtig, tägliche und sonntägliche Läuteaktionen fortzusetzen". Die Kirchen sollten aber schon weiterdenken, nämlich darüber, wie Glocken künftig bei besonderen Anlässen eingesetzt werden können. "Glocken haben vielleicht die Funktion von Zeitansage und Gefahrenwarnung verloren. Trotzdem haben sie weiterhin eine wichtige symbolische Funktion: Sie trösten. Sie laden zu Meditation und Gebet ein", betont der Theologe.

Er rät zu einer gemeinsamen Läutepraxis zumindest an jedem Ort, wenn nicht sogar landesweit. "Niemand müsste dabei gravierende dogmatische Hindernisse wie zum Beispiel bei der Diskussion um gemeinsame Abendmahlsfeiern gewärtigen", plädiert er für die Glocken-Ökumene.

Das Läuten habe zudem "eine symbolische Funktion, der eine gewisse Offenheit eignet". Ob jemand Läuten als Lärm empfinde oder als Anregung zum Gebet, das könne kein Glöckner sicher wissen. "Aber in dieser Freiheit der Deutung des Läutens liegt auch eine gewisse Offenheit und Liberalität, die den Kirchen in einer demokratischen Gesellschaft, die Religionsfreiheit garantiert, gut ansteht", so Vögele.

Er verweist auf die Aktion gebetslaeuten.de, die eine Reihe von Glockenbeauftragten unter Federführung der Evangelischen Landeskirche in Baden initiiert haben. Und "im Grunde sind Glocken Musik", sagt er. Sie redeten nicht in Worten, die diskutiert werden müssten, sondern als eine "akustische Verkündigung des Evangeliums im öffentlichen Raum". Damit öffneten sich für die Gemeinde große Chancen, "die nicht durch Streitereien über nächtliches Läuten und Ruhestörung verschenkt werden sollten". Er hofft, dass über diese Symbolik und ihren Einsatz auch dann intensiv nachgedacht wird, wenn die Epidemie abgeklungen und öffentliches Leben wieder möglich ist.

Der Privatdozent für Systematische Theologie und Ethik und Autor eines Buches über Glocken in Reformation und Gegenwart spricht sich für Projekte aus, der "akustischen Glockenvergessenheit entgegenzusteuern". "Glocken zielen nicht auf das Konzert, sondern auf den Alltag", betont er.

Der Frankfurter Journalist Martin Vorländer schrieb in einem Beitrag für die "Evangelischen Sonntags-Zeitung" der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: "Menschlichkeit lebt auf, wenn Glocken zur Besinnung rufen, zur Unterbrechung des Alltags, zum Friedensgebet." Das Läuten sorge "für einen gemeinsamen Lebensrhythmus". Früher habe man den Glocken magische Kräfte zugeschrieben. Glocken verwiesen "auf Gott, dem man alles anvertrauen darf. Vom kleinsten Wehwehchen bis zum allergrößten Leid

Von Susanne Müller (epd)