"Es gibt viele blöde Hobbies"

Nikolai Ott
Nikolai Ott
Ein junger Kirchenmusiker macht alte musikalische Schätze neu bekannt
Gerabronn, Mössingen (epd).

Die Barockkomponisten Heinrich Schütz, Georg Philipp Telemann oder Dietrich Buxtehude kennt jeder Musikliebhaber. Von Johann Samuel Welter, Johann Evangelist Brandl, Augustinus Plattner oder Samuel Capricornus haben die Wenigsten gehört. Obwohl auch diese Komponisten zu ihrer Zeit, im 17. und 18. Jahrhundert, hoch geschätzt waren. Unter dem Titel „Hohenloher singen Hohenloher - Musik aus den Städten und Residenzen Hohenlohes“ sind Werke dieser vergessenen Komponisten am kommenden Wochenende (16. und 17. Oktober) in Gerabronn im Landkreis Schwäbisch Hall zu hören.

Das Gerabronner Projekt, das Profimusiker und musikbegeisterte Laien gemeinsam stemmen, hat Nikolai Ott konzipiert. Der Dirigent und Kirchenmusiker wurde 1989 in Rothenburg ob der Tauber geboren, wuchs in Gerabronn auf. Derzeit ist er Bezirkskantor für den evangelischen Kirchenbezirk Tübingen in Mössingen und unter anderem stellvertretender Musikdirektor im Präsidium und Musikbeirat des Schwäbischen Chorverbandes.

Bei „Hohenloher singen Hohenloher“ werden Kantaten und Messen aufgeführt, „die wohl seit 200 Jahren niemand mehr gesungen hat“, sagt Ott. Er findet das spannend. Viele der Kompositionen könnten mit der Qualität der berühmten Barock-Komponisten „durchaus mithalten“. Er nennt als Beispiel die von Samuel Capricornus, „der eine Brücke von Schütz zu Buxtehude schlägt“, oder von Johann Samuel Welter, der 45 Jahre an der Michaelskirche in Schwäbisch Hall wirkte und Rufe unter anderem nach Berlin und Augsburg ausschlug.

Die Gerabronner Konzerte sind Auftakt der Reihe „Musikschätze Baden-Württembergs“ mit insgesamt fünf Veranstaltungsorten in den Jahren 2021 und 2022. Professor Frieder Bernius, Präsident der Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg, erwartet, dass dieses Konzept den musikalischen Blick weitet. „Denn die Rezeption dessen, was wir heute 'Klassische Musik' zu nennen gewohnt sind, wird noch immer von einem Geniekult bestimmt“, merkt er an. Die Reihe werde „dem regionalen wie überregionalen Musikpublikum in den Städten Gerabronn, Wertheim, Backnang, Meßkirch und Künzelsau ein weitgefächertes Konzertprogramm anbieten“.

Dabei geht es unter anderem um die Komponisten Johann Gottfried Arnold, Friedrich Witt - dessen 1909 wiederentdeckte „Jenaer Sinfonie in C-Dur“ eine Zeit lang für ein Jugendwerk Beethovens gehalten wurde -, um Johann Heinrich Pfendner, Johann Wendelin Glaser und Conradin Kreutzer. Dazu gibt es jeweils Vorträge, Führungen und Workshops für Schulen. In Gerabronn ist es beispielsweise eine Ausstellung über die ehemalige Nährmittelfabrik „Schüle“, in der die Konzerte aufgeführt werden.

Nikolai Ott ist froh, dass die Konzerte vom Land gefördert werden. Die Vorbereitungen kosten mehr Geld als sich durch den Konzertkartenverkauf erlösen lässt. Ott berichtet, dass die Umsetzung der alten Notendokumente in moderne Notenschrift eine Herausforderung ist. Einige der wenigen Experten dafür vom Musikwissenschaftlichen Institut in Tübingen und der Gesellschaft für Musikgeschichte arbeiten mit ihm zusammen. Da geht es dann beispielsweise um ganze Takte, die der Tintenfraß ausgelöscht hat. „Man fotografiert das dann ab, schickt die Bilder per WhatsApp weiter und arbeitet gemeinsam daran“, sagt er. Diese Puzzlearbeit sei faszinierend.

Ihre musikalischen Quellen haben die Forscher nicht nur im Pariser „Répertoire International des Sources Musicales (RISM)“, das sich zum Ziel gesetzt hat, weltweit vorhandene musikalische Quellen umfassend zu dokumentieren, oder beim „Münchener DigitalisierungsZentrum“ der Bayerischen Staatsbibliothek, wo Millionen Handschriften hinterlegt sind. Auch direkt in den Regionen werden sie fündig, etwa im Hohenlohe-Zentralarchiv in Neuenstein.

Der „Exilhohenloher“, wie Ott sich schmunzelnd nennt, will zeigen, dass es aus Hohenlohe „ernstzunehmende große Musik“ gibt. Oft entstand sie an Kirchen, vielfach auch an den Adelshöfen. „Ich will Regionalgeschichte hörbar machen“, betont Ott. Dafür nimmt er gerne in Kauf, dass er jeder Komponistenbiografie einzeln nachgehen muss. „Es gibt viele blöde Hobbies“, meint er. Da sei seines nicht das Schlimmste. Manches sei schon gut erforscht, aber eben noch nicht ausreichend publiziert. Und er ist sicher, dass sich auch für andere Regionen Deutschlands ähnliche Projekte lohnen würden.

Von Susanne Müller (epd)