Durch Kunst an den Völkermord erinnern

Saher Shaker, Der Tempel des Verrats
Saher Shakers Bild "Der Tempel des Verrats" erinnert an Tag, an dem die "ISIS" in die jesidische Gemeinschaft eindrang.
"Nobody‘s Listening": Ausstellung gibt Jesiden im Irak eine Stimme
Karlsruhe (epd).

Die Wanderausstellung „Nobody‘s Listening“ („Niemand hört zu“) mach im Zentrum für Kunst- und Medientechnologie in Karlsruhe, ZKM, Station. Thema der Ausstellung ist der Völkermord an der jesidischen Gemeinschaft im Nordirak 2014. Es gehe darum, den Opfern des in Vergessenheit geratenen Völkermords eine Stimme zu geben, sagte der Leiter der Kuratoren am ZKM, Philipp Ziegler.

Mit der Ausstellung würdige das ZKM den „Mut, die Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit der Überlebenden“ und „biete ihnen einen Raum, weltweit gehört zu werden“, so Ziegler. Am 3. August 2014 verübte die Terrormiliz „IS“ ein Massaker an den im Irak lebenden Jesiden. Laut den Vereinten Nationen wurden bis zu 5.000 Jesiden ermordet, zwischen 6.470 und 7.000 Frauen und Kinder entführt, 400.000 aus ihrer Heimat vertrieben. Etwa 3.000 Jesiden würden bis heute vermisst.

Sieben Jahre nach dem Völkermord des sogenannten „Islamischen Staats“ an Jesiden dauere der Genozid noch immer an, mahnte die geflüchtete Hala Safil Amo, die mit ihrem Porträt der Ausstellung ein Gesicht gibt. Die jesidische Aktivistin kämpft dafür, dass das Massaker von 2014 international als Völkermord anerkannt wird und die IS-Kämpfer zur Rechenschaft gezogen werden.

In Fotografien, Gemälden, Liedern und Gedichten haben 19 jesidische Künstlerinnen und Künstlern das Leid der Jesiden festgehalten. Zu sehen sind Frauen ohne Gesicht, gedemütigt und traumatisiert durch Vergewaltigung, Versklavung und Verkauf. Andere Bilder zeigen das friedliche Leben der jesidischen Volksgruppe vor dem Völkermord. Immer wieder suchen die Künstler einen Ausdruck für die „Falle“, in der die ethnisch-religiöse Minderheit durch den Überfall von „IS“ saß.

Kernstück der Ausstellung ist das Erleben des Massakers und seiner Folgen mittels virtueller Realität. Über eine 3-D-Brille kann sich der Betrachter in eine als wirklich erlebte Welt hineinbegeben. Der Film, in dem er selbst mittendrin ist, zeigt den Völkermord aus drei Perspektiven: der eines IS-Kämpfers, der einer gefangenen Frau, der eines überlebenden Mannes.

Hier verbinden sich Politik und Kunst. Die Szenen der Tätersicht wurden aus verschiedenen Filmen, die der „IS“ in soziale Netzwerke gestellt hatte, zu einer Sequenz zusammengeschnitten. Über die ästhetische Komponente gelinge es, Menschen „dazu zu bringen, sich das anzutun und die verabscheuungswürdigen Szenen anzusehen“, sagte die Kuratorin Teresa Retzer gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Die Kraft der Kunst schaffe eine Aufarbeitung des Genozids, sagte Vian Khalaf Darwisch von der Organisation Yazda, welche religiöse und ethnische Minderheiten, unter anderem im Irak und Syrien, unterstützt. Die Gräueltaten von einem sicheren Ort in Deutschland in einem Film zu sehen, schaffe Distanz, sagte die Aktivistin, die die Massaker 2014 selbst miterlebt hat und heute wieder im Irak lebt.

Zur Eröffnung der Ausstellung am Freitag werden Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) erwartet. Kretschmann hatte 2014 ein humanitäres Hilfsprojekt initiiert, bei dem Baden-Württemberg rund 1.000 zum Teil schwer traumatisierte Frauen aus dem Nordirak aufnahm. Eine der Frauen war Nadia Murad, die 2018 den Friedensnobelpreis dafür erhielt, auf das Schicksal ihres Volkes und den Genozid an den Jesiden aufmerksam gemacht zu haben.

An der Wanderausstellung haben unter anderen Yazda, die Gesellschaft für bedrohte Völker und das Institut für transkulturelle Gesundheitsforschung der Dualen Hochschule Baden-Württemberg mitgewirkt.

Von Susanne Lohse (epd)