Hebräische Bibel
Selten gezeigt: eine hebräische Bibel, die Reuchlin vom Kaiser Friedrich III. als Geschenk erhielt.
Ausstellung bringt den Humanisten Johannes Reuchlin als Menschen nah
Stuttgart (epd)

Mit der gemeinsamen Ausstellung «Johannes Reuchlin unterwegs im Dienst Württembergs» erinnern das Hauptstaatsarchiv Stuttgart und die Württembergische Landesbibliothek bis 16. Dezember an das Wirken des Humanisten, Juristen und Diplomaten Johannes Reuchlin (1455-1522). Vor 500 Jahren starb er in Stuttgart. In dieser Dichte seien die «Hochkaräter» unter den Dokumenten, Briefen, Handschriften und Urkunden über ihn noch nie an einem Ort versammelt gewesen, sagt Professor Peter Rückert vom Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Das Interesse an der Ausstellung sei jetzt schon groß: Zur Vernissage am 13. September hatten sich fast 200 Interessierte angemeldet, vorab haben bereits 40 Gruppen Führungen gebucht.

Geboren am 29. Januar 1455 in Pforzheim, studierte Reuchlin von 1470 bis 1481 in Freiburg, Paris, Basel, Orléans und Poitiers. 1484 wurde er an der sieben Jahre zuvor gegründeten Universität Tübingen promoviert. Als Jurist war er 15 Jahre lang für den Grafen und späteren Herzog Eberhard im Bart unterwegs. Als dessen Vertrauter kümmerte er sich um heikle Familienangelegenheiten, bis zum Tod von Herzog Eberhards im Bart im Jahr 1496 spielte er am württembergischen Hof eine zentrale Rolle. Seine diplomatischen Missionen verliefen für Württemberg erfolgreich. In heutiger Sprache würde Reuchlin als «international bestens vernetzt» gelten.

Jenseits aller Zahlen und Fakten kann man in der Ausstellung hinter die Fassade des Gelehrten Reuchlin blicken. Auf einem ausgestellten Merkzettel hatte er notiert, was er auf einer seiner vielen Reisen nicht vergessen wollte. Die griechischen Zitate auf der Rückseite eines Berichts haben keine weitere politische Bedeutung - Reuchlin wollte damit nur seine Feder testen. In einem Buch sind Reuchlins handschriftliche Anmerkungen und Unterstreichungen zu sehen, ein gemalter Fingerzeig weist auf eine ihm besonders wichtige Stelle hin. Ist die Schlussnotiz in einem Bericht von der Königswahl, er könne jetzt nicht mehr, ein Ausdruck davon, dass Reuchlin als Berichterstatter für Württemberg gerade die Puste ausging, oder war dies eher eine damalige Schlussformel für solche Briefe und Berichte?

Beides sei möglich, sagt der Kurator Erwin Frauenknecht. Dass die Handschriften sich erschließen, dafür sorgt eine Bildschirmpräsentation: Der Besucher kann wählen, ob er eine Übertragung des Originaltextes oder eine Übersetzung ins heutige Deutsch möchte. Das bringt Reuchlin als Menschen nahe: Inständig bat der gesundheitlich Angeschlagene, zur Kur in Baden-Baden weilend, seinen Freund Sebastian Brant in Straßburg, ihm in Baden-Baden Gesellschaft zu leisten.

Ein ganz besonders Ausstellungsstück ist die hebräische Bibel, 37 Kilogramm schwer, die Reuchlin von Kaiser Friedrich III. in Linz geschenkt bekam. Der Kaiser war so beeindruckt von Reuchlins Bemühungen, mit Hilfe von Privatlehrern immer besser Hebräisch zu lernen, dass er ihn damit ehrte. Reuchlin sprach zudem Latein und Griechisch, stets war er auf der Suche nach Wissen und Weisheit.

Immer wieder musste Reuchlin neu beginnen: 1496 floh er vor dem neuen Herzog Eberhard II., um sein Leben fürchtend, nach Heidelberg. Nach dessen Absetzung kehrt er nach Stuttgart zurück, wurde zum Richter im Schwäbischen Bund gewählt. 1502 floh er erneut nach Denkendorf, denn in Stuttgart wütete die Pest. Er wurde schon für tot gehalten, hatte zur Vorsorge bereits 1501 seinen eigenen Gedenkstein entworfen. Doch er starb erst am 30. Juni 1522 in Stuttgart an Gelbfieber.

Sein Haus hinter der Stiftskirche ist längst abgerissen, sein Grab, ein Gedenkstein und ein Medaillon aus dem 19. Jahrhundert sind in der Leonhardskirche zu sehen. Zeitlos bedeutend ist sein Aufruf zur Toleranz. Zu Reuchlins Zeit wurde für öffentliche Dispute der neu eingeführte Buchdruck genutzt. Als Johannes Pfefferkorn, von den Dominikanern unterstützt, in seinem «Handtspiegel» dazu aufrief, jüdische Bücher zu verbrennen, widersprach Reuchlin im Herbst 1511 in seinem in Tübingen gedruckten «Augenspiegel», ebenfalls in deutscher Sprache: «Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt!» Er war der einzige von sieben Gutachtern, der zu diesem Ergebnis kam. Sein Buch wurde von Rom verboten, er selbst zum Schweigen verurteilt.

Von Peter Dietrich (epd)