Die Qual der Wahl aus vielen tausend Liedern

Pfarrer Frieder Dehlinger, Leiter des Amts für Kirchenmusik der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
Frieder Dehlinger, Leiter des württembergischen Amts für Kirchenmusik, mit den derzeit gebräuchlichen Gesangbüchern
Die Evangelische Kirche macht sich ein neues Gesangbuch
Stuttgart, Karlsruhe (epd).

Es ist eine Generationenaufgabe: Rund alle 30 Jahre gibt die Evangelische Kirche ein neues Gesangbuch heraus. Welche Lieder reinkommen und welche draußen bleiben müssen, entscheidet sich in einem langjährigen Prozess, der in Kürze beginnt. Pfarrer Frieder Dehlinger, Leiter des Amts für Kirchenmusik der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Mitglied der EKD-Gesangbuchkommission, erwartet die Fertigstellung des neuen Gesangbuchs bis zum Ende des Jahrzehnts.

Braucht es in digitalen Zeiten überhaupt noch eine Liedersammlung zwischen zwei Buchdeckeln? Dehlinger sagt ja. Auch wenn einige Gemeinden dazu übergegangen seien, Liedtexte im Gottesdienst an eine Leinwand zu projizieren, hält er ein Gesangbuch für sinnvoll. Bücher ließen sich technikfrei nutzen, die Seitenbegrenzung gedruckter Ausgaben schaffe einen gemeinsamen Liedschatz deutschsprachiger Protestanten, argumentiert er. Auch Rechtefragen seien bei Büchern erheblich leichter zu klären als bei Datenbanken.

Die Gesangbuchmacher wollen allerdings das Beste aus beiden Welten. Ein Druckwerk mit am Ende vielleicht 400 bis 1.000 Liedern, parallel aber auch eine im Internet abrufbare Liederdatenbank. Die Online-Form habe den Vorteil, dass moderne Lieder nicht erneut 30 Jahre bis zum nächsten Buch warten müssten, um aufgenommen zu werden, erläutert Dehlinger. Und dass ein Lied, das an Popularität verliert, aus der Sammlung entfernt werden kann - was bei einem Buch nicht geht.

Eine achtköpfige Steuerungsgruppe setzt im Auftrag der EKD den Rahmen für die Erstellung des neuen Gesangbuchs. Der badische Landeskirchenmusikdirektor Kord Michaelis, Präsident der Direktorenkonferenz Kirchenmusik der EKD, gehört dieser Gruppe an. Er nimmt in Kirchen und Gemeinden bereits eine gewisses Grummeln wahr. Menschen sorgten sich, man wolle ihnen „schöne Lieder wegnehmen“, andere befürchteten einen mangelnden Modernisierungswillen. „Niemand muss Angst haben“, betont Michaelis gegenüber dem epd.

Der badische Kirchenmusikexperte hält es für wichtig, in Buch wie digitaler Plattform Qualitätskriterien für Musik und Text zu gewährleisten. Die Zusammenstellung sei eine „Friedenschance“, um Menschen unterschiedlichster geistlicher Prägung beisammen zu halten. Dass Gemeinden dann selektiv mit dem Gesangbuch umgehen und manche Lieder oft, andere dafür gar nicht singen - das habe es schon immer gegeben.

Die EKD-Gesangbuchkommission, der 74 Frauen und Männer angehören, wird in den nächsten Jahren entscheiden, welche Lieder reinkommen und welche nicht. Pfarrer Frieder Dehlinger aus Württemberg schätzt die Zahl der geeigneten Lieder auf 10.000. Wenn am Ende nur 1.000 davon zwischen den Buchdeckeln Platz finden sollen, wird die Kommission also neun von zehn Stücken aussortieren müssen. „Da wird es schnelle Entscheidungen geben müssen, wir können nicht über jedes einzelne Lied stundenlang diskutieren.“ Manches moderne Lied, das Christen auf allen Kontinenten sängen, finde möglicherweise keinen Eingang ins neue Buch, weil die Lizenzkosten dafür zu hoch seien.

Derzeit läuft die EKD-weite Kampagne „Schick uns Dein Lied!“, bei der Teilnehmer ihre fünf geistlichen Lieblingslieder einschicken können. Die am häufigsten vorgeschlagenen Songs sollen schon zum Jahresende in der evangelischen Lieder-App „Cantico“ aufgenommen werden. Eine Garantie, dass sie sich auch im künftigen evangelischen Gesangbuch finden lassen, bedeutet das freilich nicht - darüber entscheidet in den nächsten Jahren die Gesangbuchkommission.

 

Von Marcus Mockler (epd)