Der Mensch in Schönheit und Schmerz

Zwei Ausstellungen zeigen Werke des Skulpturenkünstlers Leonhard Kern
Schwäbisch Hall (epd)

In zwei Schwäbisch Haller Museen warten Kunstwerke des Barockbildhauers Leonhard Kern (1588-1662) auf Besucher. Sobald die Pandemiesituation es erlaubt, sollen in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall "Leonhard Kern und Europa - Die Kaiserliche Schatzkammer in Wien im Dialog mit der Sammlung Würth" und im Hällisch-Fränkischen Museum "Jammer und Not, Hunger und Tod - Leonhard Kern und der Dreißigjährige Krieg" geöffnet werden.

C. Sylvia Weber, die Direktorin der Würth-Sammlung, verweist auf zwei besondere Werke Leonhard Kerns, die zu den mittlerweile über 15 in der Sammlung Würth zählen: Die "Drei Grazien", die vor vielen Jahren bei einer Auktion erworben wurden, und eine "Laokoongruppe", die als verschollen galt. Sie stehen in "Leonhard Kern und Europa" bis 3. Oktober in der Kunsthalle nicht nur neben weiteren 46 Kern-Kunstwerken aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, sondern auch im Dialog mit Künstlern aus mehreren Jahrhunderten wie Hans von Aachen, Edvard Munch oder Georg Baselitz.

Das Hällisch-Fränkische Museum stellt Kerns Werke zwischen Dokumente seiner Zeit. Ein Richtschwert gehört dazu oder Epitaphe, die schon kleine Kinder mit Totenkopf zeigen. Das Museum stellt speziell Werke Kerns vor, "die im Zusammenhang mit den schrecklichen Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges zu deuten sind". In Kürze sollen auch einige der Exponate digital zu betrachten sein.

Leonhard Kern lebte und arbeitete rund 42 Jahre in Schwäbisch Hall. Er zählt zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des 17. Jahrhunderts. Seine Kleinplastiken aus Alabaster und Elfenbein waren begehrte Sammlerstücke "an nahezu allen großen Fürstenhöfen Europas", aber auch in Kirchenkreisen und bei begüterten Privatpersonen.

Der Künstler entstammte der hohenlohischen Bildhauer- und Baumeisterfamilie Kern, die im 16. und 17. Jahrhundert, in der Zeit des Barock, zehn namhafte Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Auch sein älterer Bruder Michael Kern III (1580-1649) zählte zu den großen Bildhauern des 17. Jahrhunderts.

Über Leonhard Kern weiß man mehr Lebensdetails als über viele andere Künstler seiner Zeit, schreibt einer seiner Biografen, Walter Rößler. Quelle ist das Haller Totenbuch. Darin sei so viel über den Künstler festgehalten, "dass geradezu der Eindruck ensteht, der alte Leonhard Kern habe das persönlich dem Geistlichen erzählt - was auch nicht so verwunderlich wäre, denn Kern wohnte Seite an Seite mit Pfarrern in der Pfaffengasse in der Nähe von Sankt Michael".

Leonhard Kern wurde in Forchtenberg am Kocher als Sohn des Bildhauers Michael Kern II geboren. Er besuchte das Gymnasium in Öhringen (heute Hohenlohekreis) und schloss eine Bildhauerlehre an. 1609 zog er für fünf Jahre nach Italien und bis ins heutige Algerien, um die Kunst der Antike und der italienischen Meister kennenzulernen. Diese Aufenthalte prägten seinen Stil lebenslang. Er pflegte die klassische Sicht der Antike und der Renaissance, betont Rössler. Dem barocken Zeitgeschmack habe er sich nur so weit angepasst, wie es für die Verkaufschancen seiner Werke nötig war.

Leonhard Kerns Reliefs und Skulpturen sind heute in Museen vor allem zwischen Hamburg und Wien zu sehen. Die meisten seiner Figuren sind zwischen zehn und 40 Zentimeter hoch, doch er schuf vereinzelt auch überlebensgroße Skulpturen, etwa die vier Herrscherfiguren am Rathausportal von Nürnberg. Als Material verwendete er vor allem Alabaster, den er als Kind schon in der Werkstatt seines Vaters kennengelernt hatte, und Elfenbein, aber auch Sandstein, Holz und Bronze.

Der Künstler war in Schwäbisch Hall zwar ein angesehener und wohlhabender Bürger. Doch er erlebte auch viel Leid. Im Dreißigjährigen Krieg plünderten und verwüsteten französische Soldaten seinen Besitz, es gab zudem erdrückende Kriegssteuern. Und von seinen 14 Kindern überlebten ihn nur fünf. Die Lebenserfahrungen spiegeln sich in seinen Kunstwerken: "In den besten Werken dringt Leonhard Kern zum Wesen des Menschen vor, da zeigt er ihn in seiner Schönheit und Größe und auch in Leid, Schmerz und Tod", schreibt Rössler.

Von Susanne Müller (epd)